
Die Magie des Sichtbaren: Diller Scofidio + Renfros East Storehouse als neue Museumsvision
Wenn Architektur zum Katalysator kultureller Transparenz wird
Im Osten Londons, wo einst die Kameras der Olympischen Spiele 2012 die Welt einfingen, hat sich eine stille Revolution vollzogen. Das V&A East Storehouse, entworfen von den visionären Architekten und Architektinnen von Diller Scofidio + Renfro, transformiert die konventionelle Vorstellung eines Museums in eine atmende, pulsierende Wunderkammer des 21. Jahrhunderts. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Depot und Display, zwischen Konservierung und Kontemplation.
Die Poetik der umgekehrten Logik
„Das Storehouse ist mit einer ‚Inside-out-Logik‘ gestaltet, bei der das Zentrum öffentlich, die Mitte halbprivat und der äußere Rand für Konservierung, Forschung und geschützten Lagerraum reserviert ist“, erklärt Liz Diller. Diese radikale Umkehrung traditioneller Museumsarchitektur manifestiert sich in einem gewaltigen Atrium aus Stahl und Licht, das sich über vier Ebenen erstreckt. Die industrielle Ästhetik des ehemaligen Broadcast-Centers wird nicht kaschiert, sondern zelebriert – rohe Betonwände treffen auf filigrane Stahlkonstruktionen, während natürliches Licht durch das Herz des Gebäudes flutet.
Die Materialität spricht eine ehrliche Sprache: Gefaltete Stahltreppen winden sich durch den Raum, Glasbrüstungen schaffen Transparenz ohne Barrieren, und industrielle Regalsysteme werden zu skulpturalen Elementen. Es ist eine Architektur, die sich selbst zurücknimmt, um der Sammlung eine Bühne zu bieten – und doch ist jedes Detail durchdacht, jede Fuge präzise gesetzt.
Monumentale Ankerpunkte im Fluss der Geschichte
Sechs gewaltige Objekte durchbrechen die Ordnung der Regale und schaffen emotionale Fixpunkte in diesem Ozean aus Artefakten. Ein Fragment der brutalistische Robin Hood Gardens schwebt wie eine Betonwolke im Raum – ein melancholisches Memento an soziale Utopien vergangener Dekaden. Die Agra-Kolonnade, 18 Tonnen schwerer Zeuge mogulischer Baukunst, erstreckt sich majestätisch entlang der Erdgeschossebene. Frank Lloyd Wrights Kaufmann-Büro, das einzige vollständige Wright-Interieur außerhalb der USA, erzählt von der Poesie des amerikanischen Modernismus.
Diese monumentalen Gesten sind mehr als museale Schaustücke – sie sind räumliche Erzählungen, die den Besucherinnen und Besuchern Orientierung geben und gleichzeitig die schiere Vielfalt menschlicher Kreativität vor Augen führen.
Die Choreografie des Entdeckens
„Die Öffentlichkeit wird auf eine selbstgeführte Reise durch über 100 kuratierte Mini-Displays eingeladen, die direkt in die Lagersysteme eingebettet sind“. Diese „gehackten“ Interventionen in den Regalen schaffen intime Momente der Begegnung. Hier trifft eine ägyptische Sandale aus dem Altertum auf Memphis-Möbel, mittelalterliche Rüstungen dialogieren mit zeitgenössischer Mode.
Die Architektur orchestriert diese Begegnungen durch eine raffinierte Wegeführung: Brücken lösen sich von der zentralen Achse und gewähren Einblicke in die sonst verborgenen Konservierungsstudios. Durch gläserne Übersichten können Besucherinnen und Besucher den Restauratorinnen und Restauratoren bei ihrer akribischen Arbeit zusehen – ein theatralisches Spiel zwischen Voyeurismus und Bildung.
Die Demokratisierung des Sammelns
Das revolutionäre „Order an Object“-System transformiert passive Museumsbesuche in aktive Forschungserlebnisse. Jeder kann bis zu fünf Objekte aus der halben Million Artefakte zur persönlichen Betrachtung anfordern – eine radikale Geste der Zugänglichkeit, die das Museum als exklusiven Tempel der Hochkultur demontiert.
Diese neue Form der Teilhabe spiegelt sich in der architektonischen Konzeption wider: Die traditionelle Hierarchie zwischen „front-of-house“ und „back-of-house“ löst sich auf. Werkstätten, Cafés und Forschungsräume verschmelzen zu einem hybriden Raum, in dem Produktion und Rezeption, Arbeit und Kontemplation koexistieren.
Licht als Leitmotiv
Die bewusste Entscheidung, Licht ins Zentrum des Gebäudes zu bringen, domestiziert den industriellen Maßstab. Tageslicht durchflutet das zentrale Atrium und schafft eine kathedrale Atmosphäre, die an die großen Warenhäuser des 19. Jahrhunderts erinnert – doch hier wird nicht konsumiert, sondern konserviert.
Die Lichtführung folgt einer präzisen Dramaturgie: Helle, einladende Zonen im Zentrum weichen gedämpfteren Bereichen an den Rändern, wo empfindliche Objekte vor schädlicher Strahlung geschützt werden. Diese Abstufung schafft eine räumliche Erzählung vom Öffentlichen zum Privaten, vom Sichtbaren zum Verborgenen.
Nachhaltigkeit durch Transformation
Die Umnutzung des Olympic Media Centre verkörpert eine nachhaltige Vision von Architektur als kontinuierlicher Transformation. Statt tabula rasa zu schaffen, webten Diller Scofidio + Renfro ihre Intervention behutsam in die bestehende Struktur ein. Zwei neue Zwischenebenen maximieren die nutzbare Fläche, während die industrielle DNA des Gebäudes erhalten bleibt.
Diese Strategie der sanften Metamorphose zeigt, wie Nachhaltigkeit und ästhetische Innovation Hand in Hand gehen können. Die rohe Schönheit der Bestandsarchitektur wird nicht als Makel, sondern als charakterstiftende Qualität begriffen.
Ein neues Paradigma für das 21. Jahrhundert
Das V&A East Storehouse markiert einen Wendepunkt in der Museumsarchitektur. Es ist weder reines Depot noch klassisches Museum, sondern ein hybrider Raum, der die Grenzen zwischen Sammeln, Forschen und Erleben neu definiert. „Es ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, reflektiert Liz Diller über dieses neue Modell, das bereits internationale Nachahmer findet.
Die wahre Radikalität liegt jedoch nicht nur in der programmatischen Innovation, sondern in der architektonischen Haltung: Eine Architektur, die sich selbst zurücknimmt, um Raum für das Unerwartete zu schaffen. Eine Architektur, die Ordnung und Chaos, Kontrolle und Zufall in produktive Spannung versetzt. Eine Architektur, die versteht, dass wahre Schönheit oft in der Offenlegung des Verborgenen liegt.
Im East Storehouse haben Diller Scofidio + Renfro mehr als nur ein Gebäude geschaffen – sie haben eine neue Mythologie des Sammelns entworfen, in der jedes Objekt, vom bescheidenen Fingerhut bis zur monumentalen Kolonnade, gleichberechtigt Teil einer größeren Erzählung wird. Es ist ein Ort, an dem die Wunderkammer der Renaissance auf die Transparenz des digitalen Zeitalters trifft – und dabei etwas vollkommen Neues entsteht.

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