
baukunst.art | REGIONALES |  Baden-Württemberg / Stuttgart | Mai 2026
Wie ein Lehmbau die Moderne von 1927 in die Zukunft trägt
Das Weissenhof.Forum ist das neue Besucher- und Informationszentrum der Stuttgarter Weissenhofsiedlung und ein zentrales Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA’27). Mit dem Richtfest am 8. Mai 2026 hat der Rohbau dieses 1.450 Quadratmeter großen Lehmbaus aus drei zweigeschossigen Volumen einen sichtbaren Meilenstein erreicht. Auftraggeberin ist die Landeshauptstadt Stuttgart, die Planung liegt bei Barkow Leibinger Gesellschaft von Architekten mbH (Berlin), die Ausführung verantwortet die Zech Hochbau AG.
Die Weissenhofsiedlung von 1927 zählt zu den Inkunabeln der klassischen Moderne. Initiiert vom Deutschen Werkbund und kuratiert von Ludwig Mies van der Rohe, versammelte sie 17 Architekten der europäischen Avantgarde, darunter Le Corbusier, Walter Gropius, Hans Scharoun und J. J. P. Oud. Seit 2016 sind das Doppelhaus und das Einfamilienhaus Le Corbusiers Teil des seriellen UNESCO-Welterbes „Das architektonische Werk von Le Corbusier, ein herausragender Beitrag zur Moderne“. Das gesamte Ensemble steht nach dem Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg (DSchG BW) unter Schutz. Mit Zehntausenden Gästen aus aller Welt geriet das fragile Welterbe an seine Belastungsgrenze, ohne räumliches Pendant für Empfang, Vermittlung und Pufferzone.
Warum braucht die Weissenhofsiedlung ein eigenes Empfangsgebäude?
Die Antwort der Stadt Stuttgart ist ein zweistufiges Verfahren, das überregionale Maßstäbe setzt. 2022 entschied ein internationaler offener städtebaulicher Ideenwettbewerb nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013) zugunsten der Stuttgarter Arbeitsgemeinschaft Schmutz und Partner mit Scala und Pfrommer und Roeder. 2023 folgte ein europaweites Generalunternehmerverfahren nach Vergabeverordnung (VgV), aus dem die Berliner Barkow Leibinger Gesellschaft von Architekten mbH gemeinsam mit der Zech Hochbau AG als Sieger hervorging. Begleitet wird das Vorhaben vom Verein Freunde der Weissenhofsiedlung e.V., der das Haus später betreibt, sowie von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, deren Campus unmittelbar angrenzt.
Bürgermeister Peter Pätzold würdigte beim Festakt am 8. Mai 2026 den Rohbauabschluss als sichtbaren Fortschritt eines der zentralen Projekte der IBA’27. Felix Kenner, Niederlassungsleiter Stuttgart der Zech Hochbau AG, berichtete von einem Bauablauf im Zeitplan, in der gegenwärtigen Marktlage ein nicht selbstverständlicher Befund. Der Spatenstich war am 23. Juli 2025 erfolgt; die Eröffnung ist pünktlich zum Beginn des IBA’27-Ausstellungsjahres geplant. Damit greift das Projekt eine Stuttgarter Eigenheit auf: die enge Verzahnung städtischer Hochbauverwaltung mit zivilgesellschaftlichen Trägern und Hochschulen, die regional als baukulturelle Konstante gelten kann.
Bemerkenswert ist die Förderkonstellation. Die IBA’27 GmbH, deren Mitgesellschafter unter anderem die Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW), die Stadt Stuttgart, die Universität Stuttgart und der Verband Region Stuttgart sind, vernetzt das Projekt mit einem regionalen Innovationsraum. Hauptförderer ist das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg gemeinsam mit der Bundesstiftung Baukultur und privaten Sponsoren. Diese Konstellation ist nicht nur regionale Folklore, sondern ein in Deutschland selten gewordenes Beispiel dafür, wie Land, Kommune, Kammer und Hochschule ein Bauwerk gemeinsam tragen.
Vorausgegangen war ein langer zivilgesellschaftlicher Atem. Bereits seit den 1980er Jahren bemühen sich die Freunde der Weissenhofsiedlung um eine angemessene Vermittlungsarchitektur, nachdem das Quartier in der Nachkriegszeit teilweise verloren und in den 1980er Jahren mit dem Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier nur fragmentarisch erschlossen worden war. Erst die Kombination aus Weltkulturerbe-Verleihung 2016 und IBA’27-Bewerbung schuf das politische Momentum, das ein eigenständiges Empfangsgebäude finanzierbar und planungsrechtlich nach Baugesetzbuch (BauGB) durchsetzbar machte.
Was sagt der Lehmbau über die Bauwende in Baden-Württemberg aus?
Der Entwurf von Barkow Leibinger besteht aus drei unterschiedlich großen, zweigeschossigen Baukoerpern aus Lehmmauerwerk, die eine Strukturglas-Haut mit fassadenintegrierter Photovoltaik (BIPV) zu einem Ensemble verbindet. Empfang und Café öffnen sich mit raumhohen Verglasungen zum Stadtraum, während die flexibel nutzbaren Ausstellungsflächen gezielte Ausblicke zur Beamtensiedlung und zum Akademie-Campus inszenieren. Lehm als Baustoff wird in Baden-Württemberg über die Anforderungen der Landesbauordnung (LBO BW) und des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) hinaus bauphysikalisch privilegiert: feuchteregulierend, sorptionsfähig, weitgehend rückbaubar. Die Bauteile werden gemäß DIN 276 und DIN 277 dokumentiert; die Fassade folgt der Logik kreislauffähiger Konstruktion.
Damit übernimmt das Weissenhof.Forum eine doppelte Symbolfunktion. Erstens stellt es die programmatische Kernfrage von 1927, das Wohnen für den modernen Großstadtmenschen, neu, und zwar als Frage nach Materialien, Energie und Rückbaubarkeit. Zweitens verbindet es die regionale Tradition baden-württembergischer Baukultur, die zwischen Werkbund, Hochschulbau und Industrieingenieurkunst pendelt, mit aktuellen Anforderungen aus GEG, EU-Taxonomie und Klimaschutzgesetz Baden-Württemberg. Die AKBW sieht im Vorhaben einen Vorzeigefall für vergaberechtlich sauber abgewickelte und gestalterisch ambitionierte öffentliche Hochbauten.
Bauphysikalisch arbeitet das Forum mit einem Materialsystem, das die einschlägigen Lehmbau-Normen DIN 18945 (Lehmsteine), DIN 18946 (Lehmmauermörtel) und DIN 18948 (Lehmplatten) konsequent ausreizt. Die fassadenintegrierte Photovoltaik (BIPV) reagiert auf die ab 2027 EU-weit greifenden Anforderungen aus der Solarpflicht und der Energy Performance of Buildings Directive (EPBD), wie sie auch § 8a der Landesbauordnung Baden-Württemberg bereits vorzeichnet. Ein Lüftungs- und Heizkonzept mit reduzierter Anlagentechnik hält den primärenergetischen Aufwand niedrig; die Tragwerksplanung von wh-p verzichtet auf Verbundkonstruktionen, um die Rückbaubarkeit der Bauteile zu sichern. So wird das Forum zum Reallabor für die Frage, ob Welterbe und Bauwende sich nicht nur dulden, sondern wechselseitig stärken können.
Im Inneren übernimmt das Atelier Markgraph aus Frankfurt am Main die Szenografie. Der 2024 entschiedene Einladungswettbewerb „Weissenhof 1927 | 2027+ Moderne erleben“ zielt auf ein durchgängiges Vermittlungskonzept zwischen Forum, Wegen durch die Siedlung und dem Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier. Damit wird ein bislang punktuelles Angebot zu einem zusammenhängenden kuratorischen Pfad, der den fragilen Bestand entlastet und zugleich neu lesbar macht. Bereits auf der Architekturbiennale Venedig 2025 war der Entwurf international präsentiert worden.
Für die deutsche IBA-Tradition, von Berlin 1957 über die Hamburger IBA bis zur laufenden IBA Thüringen und der vorbereitenden IBA’34-37 Berlin, ist das Stuttgarter Vorhaben bemerkenswert, weil es nicht ein neues Quartier, sondern ein altes Welterbe zukunftsfähig macht. Das Weissenhof.Forum zeigt, wie regionale Akteurinnen und Akteure, Stadt, Verein, Hochschule, Land, ein Bauwerk realisieren, das Maßstäbe für Bestandsentwicklung, Vergabekultur und Materialwende zugleich setzt. Wenn das Forum 2027 öffnet, wird es nicht nur Empfangshalle der Weissenhofsiedlung sein, sondern auch eine bauliche Antwort auf die Frage, wie die Bundesrepublik mit ihrem Erbe der Moderne umgeht. Stuttgart hat diese Antwort vorgelegt, in Lehm, Glas und mit einem Richtfest am 8. Mai 2026.
Leserinformation
Weiterführende Quellen zum Projekt und zur aktuellen Medieninformation:
→ Projektseite Weissenhof.Forum (IBA’27): https://www.iba27.de/projekt/weissenhof-2027/
→ UNESCO-Welterbe Le Corbusier (Eintragung 2016): https://whc.unesco.org/en/list/1321
→ Verein Freunde der Weissenhofsiedlung e.V.: https://www.weissenhofmuseum.de/
→ Architekturbüro Barkow Leibinger: https://barkowleibinger.com/

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