baukunst.art | Regionales | Mai 2026
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Berlin, Pariser Platz 4: Wie aus Behnischs Glastraum erneut ein Bauproblem wird
Die Akademie der Künste am Pariser Platz 4 in Berlin, 2005 nach Plänen von Günter Behnisch und Werner Durth eröffnet, ist ein Bauwerk, das seine Funktion als Symbol nicht hinter sich lassen kann. Die rund 40 Meter breite Glasfassade gegenüber dem Brandenburger Tor sollte Transparenz verkörpern, nach den Erfahrungen der NS-Geschichte, als das Vorgebäude unter Albert Speer den Umbau Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ projektierte. Zwei Jahrzehnte später wird die Symbolarchitektur erneut zum technischen und politischen Problem. Nach Berichten des SPIEGEL und entsprechenden Ausschreibungsunterlagen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) wird derzeit eine Machbarkeitsuntersuchung zur Sanierung der Liegenschaft Pariser Platz 4 vergeben. Gesprungene Verbundsicherheitsgläser, Mängel an der Pfosten-Riegel-Konstruktion und statisch fragwürdige Anbindungen stehen im Mittelpunkt eines Vorgangs, der die Kostenrechnung des Hauses, zuletzt bei rund 76,8 Millionen Euro, weiter belasten dürfte.
Es ist nicht die erste Mängelrunde dieses Bauwerks. Bereits zwischen 2014 und 2018 wurde das Haus während des laufenden Betriebs grundsaniert, die Bauherrschaft lag damals noch beim Land Berlin. Klima- und Haustechnik der Bibliothek, der vier Ausstellungssäle und der „Black Box“ mussten ersetzt werden, weil die ursprüngliche Generalunternehmerlösung an konstruktiver Sorgfalt scheiterte. Mit dem Hauptstadtfinanzierungsvertrag ging das Gebäude im Anschluss in den Bestand des Bundes über; die Akademie der Künste ist Mieterin, der Bund Eigentümer. Damit verlagert sich die Verantwortung auch baurechtlich, nach § 14 Bauordnung Berlin (BauO Bln) und den Anforderungen des § 1 Baugesetzbuch (BauGB) an eine geordnete städtebauliche Entwicklung, vom Land an den Bund.
Wo liegen die konstruktiven Schwachstellen der Behnisch-Fassade?
Die Fassade zum Pariser Platz ist eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Stahl-Schweißprofilen mit aufgesetzten Verbundsicherheitsgläsern, die absturzsichernd ausgelegt sind. Eine 40 cm vor der Glasebene aufgehängte Rohrkonstruktion zeichnet die Proportionen des historischen Palais Arnim nach. Der Entwurf entstand 1994 in einem internen Wettbewerb der Akademie-Sektion Baukunst und musste gegen die damalige Berliner Gestaltungssatzung und die Doktrin der „Kritischen Rekonstruktion“ durchgesetzt werden. Was als architektonische Geste gelang, erweist sich konstruktiv als sensibel. Verbundsicherheitsgläser dieser Größenordnung reagieren empfindlich auf thermische Belastung, auf nicht spannungsfreie Lagerung und auf Bewegungen der tragenden Stahlkonstruktion. Wenn Punktanbindungen über zwei Jahrzehnte arbeiten, entstehen Mikrorisse in der inneren Glasschicht, die später als sichtbarer Bruch erscheinen. Die statische Nachrechnung nach DIN 18008 (Glas im Bauwesen), die seit 2010 verbindlich gilt, kommt für Bestandsbauten dieser Generation oft zu strengeren Ergebnissen als die ursprüngliche Bemessung. Das gilt für die Akademie ebenso wie für andere Glasarchitekturen der 1990er Jahre.
Welche Folgen hat eine erneute Sanierung für den Kulturbetrieb?
Eine Glasfassadensanierung im laufenden Betrieb ist mehr als ein technischer Vorgang. Sie betrifft die sechs Sektionen der Akademie, von Bildender Kunst über Baukunst, Musik und Literatur bis zu Darstellender Kunst und Film- und Medienkunst, deren Plenarsaal, Lesesaal und Bibliothek im Kopfbau zum Pariser Platz untergebracht sind. Das Baukunstarchiv mit den Nachlässen unter anderem von Hans Scharoun, Bruno Taut, Egon Eiermann und Ludwig Hilberseimer befindet sich in den klimatisierten Untergeschossen, deren Lüftungstechnik 2018 erneuert wurde. Eine Beeinträchtigung dieser Räume durch Schwingungen, Staub oder Klimaschwankungen während einer Fassadensanierung wäre konservatorisch heikel; einzelne Bauteilbestände sind nach DIN ISO 11799 zur Lagerung von Archivgut zu führen. Die Akademie ist zudem teilweise denkmalgeschützt, was nach § 11 Denkmalschutzgesetz Berlin (DSchG Bln) eine genehmigungspflichtige Maßnahme bedeutet. Eingriffe in die ursprüngliche Behnisch-Konstruktion sind nicht beliebig, auch dann nicht, wenn sie technisch geboten erscheinen. Bauantrag und denkmalrechtliche Erlaubnis müssen parallel laufen, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird ebenso eingebunden wie das Landesdenkmalamt Berlin.
Hinzu kommt das Gebäudeenergiegesetz (GEG)
Ein Glasbau dieser Größenordnung erfüllt die heutigen Anforderungen an den Wärmedurchgangskoeffizienten der Fassade nur eingeschränkt; eine Sanierung ohne energetische Anpassung wäre eine vertane Gelegenheit, eine mit weitreichendem Eingriff dagegen ein denkmalrechtliches Verfahren. Diese Doppelbindung kennzeichnet einen Großteil der bundesdeutschen Repräsentationsarchitektur der späten 1990er und frühen 2000er Jahre. Auch die honorarrechtliche Dimension verdient Beachtung. Eine Sanierung dieser Tiefe fällt unter die Leistungsphasen 2 bis 8 der HOAI 2021 mit erheblicher Honorarordnung; allein die fachliche Begleitung durch Tragwerksplanung, Glasbauplanung und Bauphysik wird mehrere Büros über mehrere Jahre binden. Für die Kostenfeststellung nach DIN 276 stellt das Vorhaben einen klassischen Fall der Bestandsklassifizierung dar, mit Risikozuschlägen, die sich in den vergangenen Jahren bei vergleichbaren Glasarchitekturen regelmäßig im zweistelligen Prozentbereich bewegt haben. Hinzu kommen Sicherheitsmaßnahmen während des Betriebs, Auslagerungen einzelner Sammlungsteile und voraussichtlich phasenweise Schließungen einzelner Ausstellungsflächen. Die BImA wird sich zudem mit den noch offenen Forderungen aus der ersten Mängelphase auseinandersetzen müssen, in denen es um die Verantwortlichkeit des damaligen Generalunternehmers ging. Ein Verfahren nach der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) wird sich kaum vermeiden lassen; selbstständige Beweisverfahren nach § 485 ZPO und die flächendeckende Dokumentation des Bestandszustands sind erfahrungsgemäß wesentlicher Bestandteil solcher Vorbereitungen.
Der politische Subtext der Akademie ist seit ihrer Eröffnung an die Architektur gebunden,
Die Architektur lässt sich nicht reparieren, ohne den Subtext zu berühren. Behnischs Glas war als Antwort auf Speer gedacht, als gebaute Geste der Offenheit. Dass dieselbe Geste zwanzig Jahre später wieder zur Großbaustelle wird, ist kein Versagen einzelner Firmen. Es ist Ausdruck einer Bauaufgabe, deren Anspruch an Transparenz konstruktiv jenseits des damaligen Standes der Technik lag.
Berlin steht mit dieser Frage nicht allein. Glasarchitekturen der 1990er Jahre, die in jenem Jahrzehnt zwischen Hauptstadtbeschluss und Eurokrise als Repräsentationsbauten entstanden, kommen nun bundesweit in eine Phase, in der konstruktive Ermüdung, energetische Anforderungen und veränderte Normenlage zusammenfallen. In Nordrhein-Westfalen betrifft das Bauten wie den Landtag in Düsseldorf, in Sachsen-Anhalt den Erweiterungsbau der Landesvertretung in Berlin, in Hessen Teile der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main. Berlin trägt jedoch durch die Dichte hauptstädtischer Bauten eine besondere Last. Allein im Spreebogen werden in den kommenden Jahren der Reichstag, das Bundeskanzleramt und das Paul-Löbe-Haus vor ähnlichen Fragen stehen wie die Akademie. Für die Berliner Verwaltung, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die BImA als Bundesinstitution bedeutet das ein abgestimmtes Vorgehen, das die einzelnen Liegenschaften nicht isoliert behandelt. Der Pariser Platz 4 ist dabei ein Prüfstein, kein Einzelfall, und die Antworten, die hier gefunden werden, werden auf andere Bundesländer übertragbar sein, sofern sie systematisch dokumentiert werden.