Baukunst - Ulmer Orgelpfeifen für den Widerstand
Symbolische Visualisierung zur inhaltlichen Kontextualisierung.

Ulmer Orgelpfeifen für den Widerstand

26.11.2025
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Claudia Grimm

Ulms neuer Lernort Weiße Rose verbindet Erinnerungskultur mit skulpturaler Architektur

An der Martin-Luther-Kirche in der Ulmer Weststadt wächst ein Rundbau aus dem Boden, der historische Symbolik mit zeitgenössischer Installationskunst verschmelzt. Die Stadt hat den Entwurf des Münchner Künstlerduos Brunner/Ritz für den neuen Lernort Weiße Rose bewilligt, einen elfmetrigen Zylinder aus rund 600 symbolischen Orgelpfeifen. Der Bauausschuss votierte einstimmig für das Projekt, das bis 2027 fertiggestellt werden soll.

Ein authentischer Ort findet seine Fortsetzung

Die Orgelstube der Martin-Luther-Kirche birgt eines der letzten authentischen Zeugnisse des studentischen Widerstands gegen das NS-Regime. Im Januar 1943 versteckten Hans und Susanne Hirzel gemeinsam mit Franz Josef Müller etwa 2000 Exemplare des fünften Flugblatts der Weißen Rose hinter dem Orgelprospekt der großen Walcker-Orgel. Die Geschwister Scholl hatten die Schriften von München nach Ulm gebracht, wo ihr enger Freundeskreis die gefährliche Arbeit des Kuvertierens und Verteilens übernahm.

Doch dieser historisch bedeutsame Raum ist für die Öffentlichkeit kaum zugänglich. Feuerpolizeiliche Auflagen und die beengte Raumsituation im Kirchturm machen reguläre Besichtigungen unmöglich. Die bestehende Ausstellung im Treppenhaus, einst von Schülerinnen und Schülern gestaltet, entspricht längst nicht mehr heutigen museumsdidaktischen Standards. Der Ulmer Stadtarchivar Michael Wettengel bezeichnet die Orgelstube als den wahrscheinlich einzigen authentisch erhaltenen Ort des Jugendwiderstands gegen die NS-Herrschaft und unterstreicht damit die Dringlichkeit einer angemessenen Präsentation.

Brunner/Ritz: Künstler mit Ulm-Erfahrung

Die Wahl des Künstlerduos Brunner/Ritz überrascht nicht. Johannes Brunner und Raimund Ritz haben mit dem Berblingerturm bereits 2020 bewiesen, dass sie ortsspezifische Kunst auf höchstem Niveau zu realisieren vermögen. Der um zehn Grad geneigte Stahlturm an der Adlerbastei, der an den legendären Flugversuch des Schneiders von Ulm erinnert, entwickelte sich binnen kurzer Zeit zum neuen Wahrzeichen der Stadt. Über 200.000 Besucherinnen und Besucher erklommen in den ersten Monaten die 71 Stufen zur Aussichtsplattform.

Die beiden Münchner Künstler arbeiten seit 1990 an der Schnittstelle zwischen Bildhauerei und Musik, zwischen Installation und Performance. Brunner, Professor für Bildhauerei an der Alanus Hochschule in Alfter, und Ritz, Komponist und Klangkünstler, verstehen es meisterhaft, Orte durch multisensorische Elemente neu erfahrbar zu machen. Ihre Arbeiten für die Technische Universität München, die Stadtwerke München oder das Forum Duisburg zeugen von einer konsequenten Auseinandersetzung mit architektonischen Situationen.

Die Architektur des Erinnerns

Der Entwurf für den Lernort Weiße Rose überzeugt durch seine stringente Symbolik. Die Außenhülle aus rund 600 Rohrelementen in Form von Orgelpfeifen nimmt direkten Bezug auf das historische Versteck hinter dem Orgelprospekt. Gleichzeitig visualisiert die Fassade die Idee der gehefteten Flugblätter, jene Schriften, die einst so gefährlich waren, dass ihre Verteilung mit dem Tod bestraft wurde. Im Inneren des etwa elf Meter hohen Rundbaus findet eine Schulklasse oder Besuchergruppe von bis zu 30 Personen Platz.

Die Konzeption nimmt, wie der Ulmer Dekan Torsten Krannich treffend formuliert, die Enge und Abgeschiedenheit der Orgelkammer auf und stellt gleichzeitig überzeugend öffentlich dar, was damals ganz im Geheimen geschehen musste. Hier liegt die eigentliche Stärke des Entwurfs: Er transformiert das Verborgene ins Sichtbare, ohne die historische Spannung zwischen Heimlichkeit und öffentlichem Bekenntnis aufzulösen.

Kritische Würdigung

Die multimediale Ausstellung im Inneren sollen Fachhistorikerinnen und Fachhistoriker der Ludwig-Maximilians-Universität München erarbeiten. Hier zeigt sich ein kluger Schachzug: Die LMU, deren Lichthof als wichtigster Gedenkort der Weißen Rose gilt, bringt ihre wissenschaftliche Expertise in das Ulmer Projekt ein. Die inhaltliche Verknüpfung der beiden Standorte verspricht eine differenzierte Darstellung des Widerstands, die München und Ulm gleichermaßen würdigt.

Gleichwohl wirft das Projekt Fragen auf. Mit 1,5 Millionen Euro Bundesförderung, die der Biberacher Bundestagsabgeordnete Martin Gerster im Haushaltsausschuss durchsetzte, ist die Finanzierung zwar gesichert. Doch reicht dieses Budget für einen Bau, der sowohl architektonisch ambitioniert als auch technisch anspruchsvoll sein muss? Die Integration multimedialer Installationen, die langfristige Wartung der Klang- und Lichttechnik sowie die barrierefreie Erschließung werden die Kosten treiben. Ob die geplante Fertigstellung bis 2027 oder spätestens zur Landesgartenschau 2030 realistisch ist, bleibt abzuwarten.

Regionale Erinnerungskultur im Wandel

Der Lernort Weiße Rose fügt sich in eine bemerkenswerte Entwicklung der Ulmer Erinnerungskultur ein. Das Einstein-Familienmuseum, das Denkzeichen für die Opfer von NS-Zwangssterilisation am Landgericht, die kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Universitätsgründungsrektors Ludwig Heilmeyer und nun das geplante Einstein Discovery Center nach Entwürfen von Daniel Libeskind zeigen eine Stadt, die sich ihrer Geschichte aktiv stellt.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir, Vorsitzender des Fördervereins Lernort Weiße Rose, betont die Aktualität der Botschaft: Die Aufforderung in dem Flugblatt, den Mantel der Gleichgültigkeit zu zerreißen, und der Satz, dass Deutschland nur in einem föderalen Europa eine Zukunft hat, beeindrucken mich bis heute. In Zeiten wachsender Demokratieskepsis und europäischer Krisen gewinnt diese Mahnung neue Dringlichkeit.

Ein Modell für andere Regionen?

Das Ulmer Projekt demonstriert, wie kleinere Städte authentische Gedenkorte zeitgemäß weiterentwickeln können. Die Kombination aus skulpturaler Architektur, wissenschaftlich fundierter Vermittlung und digitaler Erweiterung setzt Maßstäbe. Für andere Kommunen mit vergleichbaren historischen Stätten könnte der Lernort Weiße Rose als Referenzprojekt dienen, freilich unter Berücksichtigung der jeweiligen lokalen Besonderheiten.

Entscheidend wird sein, ob der Ort junge Menschen wirklich erreicht. Die Instagram-Kampagne @‌ichbinsophiescholl von SWR und BR hat gezeigt, welches Potenzial in zeitgemäßen Vermittlungsformaten steckt. Der neue Lernort muss diesen digitalen Ansatz konsequent weiterdenken, ohne in oberflächliche Gamification abzugleiten. Die Geschichte der Weißen Rose verdient mehr als ein interaktives Erlebnis. Sie verlangt nach echter Auseinandersetzung mit Mut, Gewissen und den Grenzen des Gehorsams.