
baukunst.art | Regionales | April 2026
Bremens teure Wette: Wie eine IBA ohne neues Geld die Quartiere retten soll
Die Internationale Bauausstellung Bremen ist ein zehnjähriges Sonderformat der Stadtentwicklung, mit dem die Freie Hansestadt den Umbau ihrer Quartiere zu sozial stabilen, klimagerechten und zukunftsfesten Orten organisieren will. Am 8. April 2026 hat Bausenatorin Özlem Ünsal im Bremer Zentrum für Baukultur (bzb) die erste IBA-Werkstatt eröffnet und damit einen Beschluss der Bremischen Bürgerschaft vom 8. Oktober 2025 in die Umsetzung überführt.
Das Leitbild lautet „Bremen, Land der Quartiere“. Die Idee dahinter ist programmatisch: Die großen Zukunftsaufgaben, also sozialer Zusammenhalt, Bestandsentwicklung und Klimaanpassung, sollen dort bearbeitet werden, wo Menschen tatsächlich leben und arbeiten. Drei Begriffe geben der Phase ihre Richtung. Sozial, weil Quartiere gemeinwohlorientiert entstehen sollen. Robust, weil sie auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und klimatische Erschütterungen vorbereitet sein müssen. Und zirkulär, weil Bauen und Bestandsentwicklung als Kreislauf zu denken sind.
Initiiert wurde die Bewerbung von der SPD-Bürgerschaftsfraktion, die bereits im September 2023 einen Antrag unter dem Arbeitstitel „Alte Quartiere zu neuem Glanz“ eingebracht hatte. Zwei Jahre später beauftragte die rot-grün-rote Koalition den Senat mit der Erarbeitung eines Konzepts. Seither arbeitet das Senatsressort für Bau, Mobilität und Stadtentwicklung an inhaltlichen und strukturellen Grundlagen. Aus dem aktuellen Werkstattbericht soll im Laufe des Jahres ein Memorandum entstehen, das die Grundzüge für eine IBA im Land Bremen verbindlich zusammenfasst.
Welche Quartiere rücken in den Fokus?
Das Spektrum der möglichen Interventionsräume ist groß und macht die Bremer Initiative bundesweit zum einzigen Zwei-Städte-Projekt dieser Art. Im Blickfeld stehen ehemalige Arbeiterstadtteile, denen die sanfte Transformation nicht gelungen ist. In Hemelingen eröffnet das Coca-Cola- und Könecke-Gelände Spielräume für produktives Gewerbe und Wohnen. Im Vorderen Woltmershausen reift das bereits prominent besetzte Tabakquartier. Die Überseeinsel gilt mit ihrem eigenständigen Energiekonzept als Referenz für quartiersbezogene Wärmewende. In Blumenthal wird ein denkmalgeschütztes Rathaus zum Quartiershaus umgebaut, das künftig Ortsamt, Polizei und Jugendgesundheitsdienst zusammenführt; daneben steht das Kämmerei-Quartier als großflächiges Entwicklungsareal im Raum.
Auf der Bremerhavener Seite bildet das Werftquartier den baulich ehrgeizigsten Baustein. Auf rund 140 Hektar im Bereich des nördlichen Fischereihafens soll auf dem Areal der ehemaligen Seebeck-Werft Wohnraum für rund 6.000 Menschen und etwa 5.000 Arbeitsplätze entstehen, mit dem Ziel der vollständigen CO2-Neutralität bis 2045. Der städtebauliche Rahmenplan geht auf einen Realisierungswettbewerb zurück, den das dänische Büro COBE 2020 gewonnen hat. Ergänzend bringen die Antragsteller das Gestra-Gelände in Findorff, das Goethe-Viertel sowie mit dem Hohentorshafen und dem Hemelinger Hafen weitere Potenzialorte entlang der Weser ins Gespräch.
Gemeinsamer Nenner ist nicht ein einzelner Gebäudetyp, sondern eine Diagnose. Immer mehr Nutzungsklassen fallen aus, vom Warenhaus über die Tankstelle bis zur Kirche, während Flächenverbrauch minimiert und Verkehrslasten reduziert werden sollen. Das Bauordnungsrecht nach §§ 50 ff. Bremische Landesbauordnung (BremLBO), die Klimaanforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und die städtebaulichen Instrumente der §§ 136 ff. und §§ 171a ff. Baugesetzbuch (BauGB, Sanierungs- und Stadtumbaugebiete) treffen in diesen Quartieren auf eine Eigentümerstruktur, die sich mit klassischer Angebotsplanung kaum bewegen lässt.
Die Prozesskultur, die die IBA einführen will, unterscheidet sich bewusst vom klassischen Architekturwettbewerb. Regisseurin Lilli Thalgott hat für den Werkstattbericht fünf Filmporträts von Quartiersmachern produziert, moderiert hat die Eröffnungsveranstaltung Frauke Burgdorff aus Aachen. Lars-Christian Uhlig vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat das Vorhaben fachlich eingeordnet. Erkennbar wird ein Format, das nicht vorrangig Baukörper produzieren, sondern Koordination, Beteiligung und Wissenstransfer erlebbar machen soll. Für ein Architekturmagazin ist das zunächst die unbequemere Nachricht: Die IBA will weniger Architektur zeigen und mehr Prozess.
Wie wird eine IBA ohne frisches Geld finanziert?
Die zentrale Schwachstelle der Bremer Initiative hat die Senatorin selbst benannt. Für die IBA stehen keine erheblichen neuen öffentlichen Mittel bereit. Der Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen unterstützt das Vorhaben, formuliert aber den Prüfstein präzise. Hauptgeschäftsführer Jörn P. Makko hat die Perspektive in drei Fragen übersetzt: Wird das Bauordnungsrecht vereinfacht? Werden Genehmigungen schneller? Kommen Grundstücke zu Konditionen auf den Tisch, mit denen sich rechnen lässt? Solange diese drei Antworten ausstehen, bleibt die IBA, um es mit Makko zu sagen, zunächst ein Rahmen.
Die Senatorin setzt genau an diesem Punkt auf die Katalysatorwirkung des Formats. Eine IBA soll lokale Akteure einbinden, unterschiedliche Quartiersbedarfe stärken und neue Finanzierungswege durch Bündelung und Bundesförderung erschließen. Der Verweis auf Referenzen liegt nahe. Die IBA Hamburg hat zwischen 2006 und 2013 unter dem Motto „Sprung über die Elbe“ 63 bauliche Projekte angestoßen und rund 1.200 Wohnungen geschaffen. Die IBA Emscher-Park hat den Strukturwandel des Ruhrgebiets gestaltet. Beide Formate haben gezeigt, dass eine IBA nicht primär eigenes Budget verteilt, sondern Drittmittel mobilisiert, Genehmigungsbehörden synchronisiert und private Investitionen in Areale lenkt, die sonst im Portfolio hinten liegen.
Fachlich eingeordnet wird die Bremer Perspektive unter anderem vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Auch die Handelskammer Bremen und die Aufbaugemeinschaft haben sich positioniert. Entscheidend wird sein, wie der Senat die organisatorische Durchführung strukturiert. Der Bürgerschaftsbeschluss lässt bewusst mehrere Optionen offen, von einer interdisziplinären Steuerung innerhalb der Verwaltung über eine eigenständige kuratorische Leitung bis hin zu einer eigenen Projektgesellschaft mit operativer Entwicklungskapazität. Senatsbaudirektor Arend Bewernitz, seit Februar 2026 Nachfolger von Iris Reuther, dürfte die Weichenstellung maßgeblich mitprägen.
Als Stützpfeiler dieser These dient Bremen die eigene Bilanz. Das Tabakquartier in Woltmershausen verbindet Wohnen, Kultur, Arbeit und Freizeit auf einem industriell geprägten Areal, die Überseeinsel testet ein eigenständiges Quartiersenergiekonzept, und die langjährige Stadterneuerung im Schweizer Viertel hat gezeigt, dass Bestandsumbau ohne Abriss tragfähig ist. Diese Projekte sind keine IBA-Vorhaben, belegen aber, dass die Stadt Quartiersentwicklung operativ beherrscht. Die IBA soll diese Praxis skalieren und methodisch in die nächste Ebene heben. Gleichzeitig stehen offene Fragen an, etwa zur Zukunft der Lloyd-Passage in Bremerhaven, deren Erhalt oder Abbruch gerade verhandelt wird und die exemplarisch zeigt, wie schnell IBA-Themen in politische Entscheidungen überführt werden müssen.
Die Präsentation der IBA selbst wird erst in den 2030er Jahren erwartet; die Website http://land-der-quartiere.de begleitet den Prozess. Für die Fachöffentlichkeit in der DACH-Region liegt der eigentliche Test jedoch nicht im Präsentationsjahr, sondern in der Zwischenzeit. Sichtbar werden muss, ob der Zwei-Städte-Staat seine enge Verzahnung von Landes- und kommunaler Ebene tatsächlich als Beschleuniger nutzt oder ob das bundesweite Alleinstellungsmerkmal an der Kassenlage scheitert. Eine IBA ohne Budget ist keine Absage an Ambition, sie ist eine Wette auf Handwerk: auf schnellere Genehmigungen, mobilisierbare Grundstücke und ein Bauordnungsrecht, das Umbau vor Abriss und Bestand vor Neubau honoriert.

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