
baukunst.art | INSPIRATION | April 2026
Ein Tier aus Beton, das Luft bekommt
Die Skulptur wiegt rund eine Tonne und schwebt dennoch. An einem Baukran über der venezianischen Lagune baumelt „The Origami Deer“ der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova. Ein Hirsch aus 3D-gedrucktem Beton, der so wirkt, als habe eine ruhige Hand einen Bogen Reispapier zum Tier gefaltet. Eine Fiktion, die Wirklichkeit geworden ist, weil der Ort, an dem sie ursprünglich stand, nicht mehr erreichbar ist.
Vom Leontovych-Park an die Lagune
Zhanna Kadyrova, 1981 in Browary geboren, schuf den Hirsch 2019 gemeinsam mit Denys Ruban. Er stand im Leontovych-Park in Pokrowsk, einer Bergbau- und Eisenbahnstadt in der Oblast Donezk. Der Sockel war nicht leer gewählt. Zuvor thronte dort ein sowjetisches Kampfflugzeug, ausgelegt zum Transport nuklearer Sprengköpfe. Kadyrova tauschte den Jagdbomber gegen ein Waldtier. Waffe wurde Fauna, Drohung wurde Ornament. Eine stille Revision der Erinnerungskultur, die ohne Parolen auskam.
Im Sommer 2024 rückte die Front heran. Was als Dauerinstallation auf einem Betonfundament gegossen und nie für den Transport gedacht war, demontierten die Künstlerin, der Historiker und Kurator Leonid Marushchak und ein Team von Helferinnen und Helfern. Die Skulptur trat die Reise an. Warschau, Wien, Prag, Berlin, Brüssel, Paris. Im Mai 2026 erreichte sie Venedig, wo sie nun das Zentrum des ukrainischen Pavillons „Security Guarantees“ bildet, kuratiert von Ksenia Malykh und Leonid Marushchak.
Die Poesie des gefalteten Betons
Aus der Distanz liest sich das Werk als Papierbogen, geometrisch zum Tier geknickt. Aus der Nähe entzieht sich diese Lesart. Die Oberfläche zeigt jene feinen, horizontalen Schichtungen, die das additive Druckverfahren hinterlässt. Licht legt sich über die Facetten wie auf Reispapier, doch die Masse protestiert.
Diese Spannung trägt das Werk. Origami ist die Kunst, aus einer einzigen Fläche Volumen zu erzeugen, ohne Material hinzuzufügen oder zu schneiden. Ein Versprechen maximaler Ökonomie. Kadyrova überträgt diese Logik in ein Medium, das für Dauer, Trägheit und Gewicht steht. Beton erlaubt keine Rücknahme. Jede Falte ist Endgültigkeit. In der Kollision aus Zartheit und Schwere liegt die Klugheit des Entwurfs.
Wenn das Fundament zur Leerstelle wird
Der zweite Akt der Skulptur beginnt mit ihrer Loslösung vom Boden. In Pokrowsk stand sie auf einem konventionellen Sockel. In Venedig hält sie ein Kran. Der Eingriff ist minimal und radikal zugleich. Eine Skulptur, die für einen Ort entworfen wurde, hängt nun sichtbar ortlos.
Architektinnen und Architekten kennen diese Geste. Das hängende Objekt ist seit Bruno Tauts Glasutopien und Konstantin Melnikows Schwebefantasien ein Motiv der Moderne. Hier bleibt es keine formale Übung. Hier bezeichnet das Schweben einen politischen Zustand. Den Moment zwischen Rettung und Ankunft. Das Exil, räumlich buchstabiert. Der Titel „Sicherheitsgarantien“ verschiebt die Gewichte zusätzlich.
Budapester Memorandum, in Beton übersetzt
1994 unterzeichneten die Ukraine, Russland, Großbritannien und die USA das Budapester Memorandum. Die Ukraine gab das drittgrößte Atomarsenal der Welt ab und erhielt im Gegenzug Zusicherungen ihrer territorialen Integrität. Die Formensprache des Werkes greift diesen Vertrag auf. Papier ist das Material von Abkommen. Und Papier lässt sich zerknüllen, falten, zerreißen.
Kadyrova gießt genau jene Fragilität in Beton, die das Dokument im Rückblick kennzeichnet. Das Werk funktioniert dennoch nicht als bloße Illustration. Es setzt die Ikonografie eines Waldtiers ins Spiel, das in der ostslawischen Bildkultur für Sanftheit und Wachsamkeit steht. Der Hirsch horcht, bevor er flieht. Die Skulptur hält diesen Moment fest, vergrößert ihn, übersetzt ihn in die Sprache einer dauerhaften Form. Dass die Dauer der Form mit der Unbeständigkeit ihres Ortes kollidiert, ist kein Widerspruch des Werkes, sondern seine These.
Architektur, Skulptur und die Frage des Ortes
An dieser Stelle wird „The Origami Deer“ für die Architektur relevant. Kadyrova verhandelt, was es bedeutet, einen Ort zu verlieren. Die Disziplin beschäftigt dieses Thema seit den Schriften von Aldo Rossi und Kenneth Frampton. Ein Bauwerk bezieht seine Bedeutung aus dem Zusammenspiel mit einem konkreten Kontext: Topografie, Nachbarschaft, Geschichte, Klima. Wird dieser Kontext gewaltsam entzogen, verliert das Werk nicht seine Schönheit, wohl aber seine Erdung.
Die Skulptur umgeht dieses Problem durch eine elegante Verschiebung. Sie nimmt den fehlenden Ort als Thema auf. Der Kran ersetzt das Fundament nicht, er zeigt dessen Abwesenheit. Die Entscheidung führt eine Tradition fort, die von Gordon Matta-Clarks Gebäudeschnitten bis zu Rachel Whitereads Abgüssen reicht. Negative als positive Aussage.
Ästhetik der Verantwortung
Kritikerinnen und Kritiker werden fragen, ob der Symbolgehalt die formale Qualität überwiegt. Die Antwort liegt im Werk selbst. Die Proportion des Tieres ist präzise. Die Facettierung folgt einer stringenten Geometrie, die an Molekülmodelle erinnert und doch organisch bleibt. Das Grau des Betons korrespondiert mit dem silbrigen Licht der Lagune. Die Skulptur bleibt sinnliches Objekt, auch wenn sie sich politisch lesen lässt.
Damit gibt sie einen Anknüpfungspunkt für eine Debatte, die das Bauwesen seit dem russischen Angriff auf die Ukraine schärfer führt. Wie geht Architektur mit Zerstörung um? Was bedeutet Nachhaltigkeit in einem Land, in dem Gebäude nicht wegen ihrer CO₂-Bilanz abgerissen werden, sondern wegen Raketeneinschlägen? Kadyrovas Hirsch gibt keine Antwort. Er hält die Frage aus.
Ein Motiv, das bleibt
Wenn die 61. Biennale am 22. November 2026 schließt, wird der Hirsch eine weitere Reise antreten. Sein ursprünglicher Park in Pokrowsk existiert vorerst nur als Koordinate. Vielleicht kehrt die Skulptur eines Tages dorthin zurück. Vielleicht sucht sie sich einen neuen Ort. In beiden Fällen hat sie gelernt zu warten, ein Zustand, den sie mit vielen Objekten teilt, die der Krieg heimatlos macht.
Es gibt wenige Werke auf dieser Biennale, die so leise und so klar sprechen. Ein gefalteter Hirsch, der nicht landet, sondern wartet. Eine Geste, die aus der Architektur kommt und in die Architektur zurückwirkt: die Erinnerung daran, dass der Boden, auf dem gebaut wird, eine Voraussetzung ist, keine Selbstverständlichkeit.
Künstlerin: Zhanna Kadyrova, geboren 1981 in Browary, Ukraine. Lebt und arbeitet in Kyjiw. Vertreten durch Galleria Continua.
Werk: „The Origami Deer“ (2019), 3D-gedruckter Beton, entstanden gemeinsam mit Denys Ruban.
Ursprünglicher Standort: Leontovych-Park, Pokrowsk, Oblast Donezk. Die Skulptur ersetzte dort ein demontiertes sowjetisches Kampfflugzeug.
Evakuierung: August 2024, koordiniert von Zhanna Kadyrova, Leonid Marushchak und der NGO „Museum Open for Renovation“ unter Beteiligung städtischer Arbeitskräfte aus Pokrowsk.
Europa-Tournee 2026: Warschau, Wien, Prag, Berlin, Brüssel, Paris.
Ausstellung: Ukrainischer Pavillon „Sicherheitsgarantien / Security Guarantees“ auf der 61. Internationalen Kunstausstellung, La Biennale di Venezia, 9. Mai bis 22. November 2026. Kuratiert von Ksenia Malykh und Leonid Marushchak.
Installation: Die Skulptur wird an einem Kran hängend im öffentlichen Raum entlang der Lagune präsentiert. Ergänzt durch Archivmaterial zum Budapester Memorandum (1994) und eine Videodokumentation der Evakuierung.
Film: „IDP“ (Regie: Zhanna Kadyrova, 2025), dokumentiert den Abbau und Transport der Skulptur.
Weiterführende Links: labiennale.org, berliner-kuenstlerprogramm.de, galleriacontinua.com

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