Baukunst-Vom NS-Gauhaus zum Gourmet-Tempel: Kapitalismus macht Geschichte zu Hotelzimmern
Hamburg © Lukas Menzel auf Unsplash

Vom NS-Gauhaus zum Gourmet-Tempel: Kapitalismus macht Geschichte zu Hotelzimmern

19.06.2025
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Ignatz Wrobel

Das “Jefferson” am Alsterufer

Hamburg – Es ist eine der wertvollsten Immobilien der Hansestadt mit einer bewegten Geschichte: Das ehemalige US-Generalkonsulat am westlichen Alsterufer wird zu einem exklusiven Hotel umgebaut. Die Münchener Derag-Gruppe hat das “Weiße Haus an der Alster” für rund 17 Millionen Euro erworben und plant dort ein Luxushotel namens “The Jefferson”.

Eine Geschichte zwischen Glanz und Terror

Die beiden Villen am Alsterufer 27 und 28 verkörpern wie kaum ein anderes Gebäude in Hamburg die Brüche der deutschen Geschichte. In den Jahren 1882 und 1883 wurden sie nach den Plänen des prominenten Hamburger Architekten Martin Haller erbaut, der auch das Hamburger Rathaus entwarf. Haller, einer der prägendsten Baumeister der Hansestadt, erschuf mit über 560 Bauvorhaben das architektonische Gesicht Hamburgs vor dem Ersten Weltkrieg.

Ursprünglich dienten die repräsentativen Villen wohlhabenden Kaufmannsfamilien als Wohnsitz. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich alles dramatisch. Die Doppelvilla am Alsterufer 27/28 war während der NS-Zeit Hauptsitz der NSDAP und diente als Zentrale für die Gauleitung unter Karl Kaufmann. Von 1934 bis Kriegsende fungierte das Gebäude als Machtzentrum der hamburger Nationalsozialisten.

Zwischen Alsterufer und Rothenbaumchaussee befand sich mit nahezu 50 Institutionen das “Regierungsviertel” der Hamburger Nationalsozialisten. Die Geschichte ist besonders beschämend: Das Gebäude mit der Hausnummer 28 war im Besitz der jüdischen Familie Sander, als die NSDAP es zu einem Spottpreis “angemietet” hat, welcher nicht im Geringsten die Kosten für das Gebäude deckte.

Vom US-Konsulat zum Hotel

Nach dem Krieg kam das Gebäude in amerikanische Hände. Nach dem Erwerb durch die US-Regierung im Jahr 1950 wurden die Fassaden der von der Alster aus sichtbaren Villen nach dem Vorbild des Weißen Hauses in Washington D.C. gestaltet. Bis zum Umzug in die HafenCity im Jahr 2022 beherbergte das “Kleine Weiße Haus an der Alster” über 70 Jahre lang das US-Konsulat.

Seit dem Verkauf an die Münchener Derag-Gruppe soll das Gebäude nun eine neue Zukunft als Luxushotel bekommen. Geplant ist das Luxushotel The Jefferson mit rund 80 Zimmern, aber auch ein Café und Restaurant, das für Hamburger und Touristen zugänglich sein wird.

“Schockverliebt” in eine Immobilien-Perle

Max Schlereth, geschäftsführender Mehrheitsgesellschafter der Derag-Gruppe, macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung für das Objekt. “Ich habe das Haus gesehen und war schockverliebt” und “Es wird kosten, was es kostet, und dann bezahl ich’s halt”, sagte der Unternehmer. “Eine derartige Objektperle kann man nicht suchen, das kann einem nur begegnen”.

Die Derag-Gruppe, 1951 in München als Deutsche Realbesitz AG gegründet, ist vor allem für ihre Living Hotels bekannt und gilt als Pionier des Serviced Apartments Marktes in Deutschland seit den 80er Jahren. Bis 2012 realisierte die Gruppe über 85.000 Wohn- und Gewerbeeinheiten in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz.

Verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte

Schlereth betont die Verantwortung gegenüber der vielschichtigen Geschichte des Gebäudes. “Wesentlich und wichtig ist uns, dass das The Jefferson ein Teil von Hamburg wird”, erklärte er. Man wolle “äußerst sorgfältig, sensibel und in engem Austausch mit der Stadt Hamburg bei der Umgestaltung vorgehen” und dabei “die Geschichte des Hauses und seine Bedeutung im historischen Kontext angemessen reflektieren”.

“Selten haben wir so auf die Geschichte geachtet”, sagte Architekt Kasimir Altzweig. Die Modernisierung solle in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt erfolgen.

Transformation der Stadtlandschaft

Eine der markantesten Veränderungen wird die Entfernung des hohen Sicherheitszauns sein. Seit 2001 war das Konsulat nur als “Festung hinter einem vier Meter hohen Zaun” bekannt, der “an eine Grenzanlage zwischen verfeindeten Staaten erinnerte”. Künftig wird die Alster-Fahrradstraße unmittelbar am Portal des Gebäudes vorbeiführen, was dessen Anmutung völlig verändern wird.

Gabor Gottlieb, SPD-Fraktionschef der Bezirksversammlung Eimsbüttel, begrüßte die Umnutzung des Gebäudes als Hotel und Restaurant. Es sei besonders schön, dass die Doppelvilla so für alle Hamburger frei zugänglich werde.

Noch Jahre bis zur Eröffnung

Bis Hamburger und Gäste das Jefferson erleben können, ist noch Geduld gefragt. Der Umbau soll, wie einer der Architekten sagt, “mit Glück nur ganz wenige Jahre” dauern. Das Äußere wird dabei weitgehend erhalten bleiben – der neoklassizistische Umbau zur US-Vertretung, der die beiden Villen 1951 zusammenfügte, bleibt nahezu unverändert.

Das Projekt zeigt exemplarisch, wie sich Hamburg mit seiner komplexen Geschichte auseinandersetzt: Das Ex-Konsulat, die Ex-NS-Zentrale wird, soweit ein Treffpunkt reicher Menschen das sein kann, ein öffentlicher Ort. Ein Ort, der von der wilhelminischen Pracht über nationalsozialistische Verfolgung bis hin zur deutsch-amerikanischen Freundschaft alle Facetten deutscher Geschichte in sich vereint und nun als Hotel eine neue Zukunft antritt.

Das Objekt im Überblick:

  • Lage: Alsterufer 27/28, Hamburg-Rotherbaum

  • Grundstück: 3.600 Quadratmeter mit Alsterblick

  • Geschossfläche: Rund 5.200 Quadratmeter

  • Kaufpreis: Etwa 17 Millionen Euro

  • Geplante Zimmer: Rund 80

  • Eröffnung: In einigen Jahren

Historische Dimension:

  • Die Villen wurden 1882/1883 von Martin Haller entworfen, dem auch das Hamburger Rathaus zu verdanken ist

  • Von 1934 bis Kriegsende war das Gebäude Hauptsitz der Hamburger NSDAP unter Gauleiter Karl Kaufmann

  • Das Gebäude war Teil des “NS-Regierungsviertels” zwischen Alsterufer und Rothenbaumchaussee mit fast 50 NS-Institutionen

Das Hotelprojekt:

  • Die Derag-Gruppe hat das Objekt für etwa 17 Millionen Euro erworben

  • Geplant sind rund 80 Zimmer sowie ein öffentlich zugängliches Café und Restaurant

  • Der Umbau wird voraussichtlich “nur ganz wenige Jahre” dauern

Der Unternehmer:

  • Max Schlereth führt die 1951 gegründete Derag-Gruppe, die über 85.000 Wohn- und Gewerbeeinheiten realisiert hat

  • Die Living Hotels sind Pioniere des Serviced Apartment Marktes in Deutschland seit den 80er Jahren

Der Artikel zeigt, wie wichtig ein sensibler Umgang mit der komplexen Geschichte des Gebäudes ist und wie aus einem Ort mit schwerer Vergangenheit ein neuer Begegnungsort entstehen kann.​​​​​​​​​​​​​​​​