Baukunst - BäumePlus-Gesetz Berlin: 500.000 Bäume, Milliarden Fragen
Berlins Baumoffensive zwischen Bürgerwille und Verwaltungsrealität © Depositphotos_9844164_S

BäumePlus-Gesetz Berlin: 500.000 Bäume, Milliarden Fragen

13.12.2025
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Claudia Grimm

Grüne Versprechen im Leitungsdschungel: Berlins ambitioniertes Baumgesetz zwischen Vision und Verwaltungsrealität

Die deutsche Hauptstadt hat sich ein neues Großprojekt auf die Fahnen geschrieben. Am 3. November 2025 beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus mit überwältigender Mehrheit das sogenannte BäumePlus-Gesetz, das erste kommunale Klimaanpassungsgesetz Deutschlands. Bis 2040 sollen mehr als 500.000 neue Bäume gepflanzt, Hunderte Miniparks angelegt und sogenannte Kälteinseln in überhitzten Stadtvierteln geschaffen werden. Die geschätzten Kosten: mindestens 3,2 Milliarden Euro.

Konsens mit Fragezeichen

Die politische Einigkeit ist bemerkenswert. CDU, SPD, Grüne und Linke stimmten dem Gesetz ohne Gegenstimmen zu, lediglich die AfD enthielt sich. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner sprach von einem wichtigen Investment in die Zukunft. Woher allerdings das Geld und vor allem die Flächen für diese ambitionierte Begrünungsoffensive kommen sollen, blieb an diesem Tag noch weitgehend ungeklärt.

Das Gesetz geht auf die Initiative Volksentscheid Baum zurück, die der Umweltaktivist Heinrich Strößenreuther mitbegründet hat. Die Gruppierung sammelte über 33.000 Unterschriften und zwang die Politik damit in eine Flucht nach vorn: Ein Bürgerentscheid hätte nach allen Umfragen eindeutig zugunsten von mehr Stadtgrün geendet. Die Abgeordneten zogen es vor, selbst zu handeln, statt sich vom Volk überstimmen zu lassen.

Bäume gegen Hitzetote

Die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter sind stichhaltig. Im Hitzejahr 2022 starben in Berlin 416 Menschen an den Folgen extremer Temperaturen, zwölfmal mehr als im Straßenverkehr. Bäume können die Umgebungstemperatur um bis zu sechs Grad Celsius senken, sie spenden Schatten, filtern Schadstoffe und verbessern die Luftqualität. In einer Stadt, deren Bevölkerung stetig altert und deren versiegelte Flächen sich im Sommer aufheizen wie Backöfen, ist grüne Infrastruktur tatsächlich überlebenswichtig.

Hinzu kommt eine soziale Dimension, die eine Studie der Technischen Universität Berlin jüngst belegt hat. Menschen in einkommensschwachen Stadtteilen leiden überdurchschnittlich unter Hitze, weil ihre Nachbarschaften weniger Grün, dafür mehr Beton und Emissionen aufweisen. Das BäumePlus-Gesetz will genau dort ansetzen: 170 sogenannte Hitzeviertel sollen identifiziert und durch Entsiegelung und Begrünung zu Kühlinseln umgestaltet werden.

Realität unter dem Asphalt

Soweit die Vision. Die Realität sieht ernüchternder aus. Unter 5.000 Euro ist ein Straßenbaum heute kaum noch in die Erde zu bekommen, realistisch sind eher 20.000 Euro und mehr. Der Grund liegt im buchstäblichen Untergrund: Telekommunikations- und Stromkabel, Gas- und Wasserrohre, Fernwärmeleitungen durchziehen den städtischen Boden wie ein dreidimensionales Netzwerk. Wer einen Baum pflanzen will, muss sich mit zahllosen Leitungsbetreibern abstimmen, oft müssen Kabel aufwendig umgelegt werden.

Dazu kommen die oberirdischen Nutzungsansprüche: Ein- und Ausfahrten, Ladezonen, Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs. Das BäumePlus-Gesetz fordert, dass möglichst alle 15 Meter ein Baum an der Straße stehen soll. Benedikt Lux, umweltpolitischer Sprecher der Grünenfraktion, mahnte bereits während der Sitzung, dass dies wohl nur gelingen könne, wenn man gleichzeitig über die Zahl der Parkplätze nachdenke. Bürgermeister Wegner hielt dagegen, er wolle eine Stadt, in der sich auch die Autofahrerinnen und Autofahrer wohlfühlten.

Die Rechnung kommt später

Kaum zwei Wochen nach dem Beschluss wurde die finanzielle Euphorie bereits gedämpft. Die schwarz-rote Koalition halbierte die geplanten Mittel von zwei auf eine Milliarde Euro bis 2040. Mit den jetzt zugesagten Geldern bleibt ein erheblicher Teil der Finanzierung offen. Die Initiative BaumEntscheid kritisiert die Kürzungen als rückschrittliches Signal und warnt davor, das Klimaanpassungsgesetz zur Symbolpolitik verkommen zu lassen.

Die Idee, das Vorhaben aus dem Sondervermögen des Bundes zu finanzieren, stößt selbst in der Regierungsfraktion auf Skepsis. Berlin wird daraus in den kommenden zwölf Jahren 5,25 Milliarden Euro erhalten, vorwiegend für Infrastrukturmaßnahmen. Der umweltpolitische Sprecher der CDU, Denny Freymark, würde persönlich nicht dafür werben, dass man die Hälfte des Sondervermögens für neue Bäume einsetzt. Im Zweifel sei die Sanierung einer kaputten Brücke wichtiger.

Wenn Fällen schneller geht als Pflanzen

Die Bilanz der vergangenen Jahre spricht eine deutliche Sprache. 2024 wurden 5.280 Straßenbäume gefällt, aber nur 2.571 nachgepflanzt. Mehr als die Hälfte aller Berliner Straßenbäume sind geschädigt, 90 Prozent der Rosskastanien leiden unter Krankheiten. Die Verwaltung schafft es nicht einmal, die entstehenden Lücken zu schließen. Wie soll sie dann 500.000 zusätzliche Bäume pflanzen?

Um Kosten zu senken, will die Stadt auf neue Pflanzmethoden setzen. Statt zehn Jahre alter Bäume aus Baumschulen sollen künftig Setzlinge und Sprösslinge sogenannter Entwicklungsbäume gepflanzt werden. In der Verwaltung sprechen sie augenzwinkernd von Fast-Food-Bäumen: schneller, günstiger, hitzeresistenter. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.

Ein Gesetz als Experiment

Das BäumePlus-Gesetz ist ein spannendes demokratisches Experiment. Bürgerinnen und Bürger haben ein komplexes Gesetzeswerk entwickelt und die Politik zum Handeln gezwungen. Ob die Umsetzung gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Heinrich Strößenreuther kündigte bereits an, man werde Senat, Bezirken und Parteien auf die Finger schauen müssen, damit die geplanten Bäume auch wirklich alle kämen.

Berlin hat in der Vergangenheit bewiesen, dass es Großprojekte in den Sand setzen kann. Der BER-Flughafen kostete mehr als das Siebenfache des ursprünglichen Budgets. Ob es bei den Bäumen besser läuft, ist offen. Immerhin: Bäume wachsen langsam. Zeit für Korrekturen wäre also vorhanden, sofern der politische Wille anhält und die Finanzierung irgendwann steht.