Baukunst - Elbtower Hamburg: Naturkundemuseum rettet Bauruine für 595 Millionen Euro
Steuerzahler retten Benko Ruine mit Museum ©Depositphotos_660231876_S

Elbtower Hamburg: Naturkundemuseum rettet Bauruine für 595 Millionen Euro

19.01.2026
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Claudia Grimm

Der kurze Olaf und sein langes Erbe

Was als städtebauliches Ausrufezeichen für die HafenCity gedacht war, steht seit Oktober 2023 als 100 Meter hoher Betonrumpf an den Elbbrücken. Der Elbtower, einst das Prestigeprojekt des damaligen Bürgermeisters Olaf Scholz und des österreichischen Investors René Benko, sollte mit 245 Metern das höchste Gebäude Norddeutschlands werden. David Chipperfield hatte einen eleganten Turm entworfen, der das östliche Eingangstor zur Innenstadt markieren sollte. Nach dem früheren Bürgermeister und Fürsprecher des Projekts wird der Elbtower im Volksmund „der kurze Olaf“ genannt.

Die Realität sieht ernüchternder aus. Nach der spektakulären Pleite der Signa Holding im Herbst 2023 stellte die Baufirma Lupp ihre Arbeiten ein. Signa Prime hatte fällige Rechnungen in Höhe von 37 Millionen Euro seit dem Sommer nicht mehr bezahlt. Benko, einst einer der schillerndsten Immobilieninvestoren Europas, sitzt seit Januar 2025 in Untersuchungshaft in Wien. Sein Hamburger Vermächtnis: eine Bauruine, die täglich Fragen aufwirft.

Das Naturkundemuseum als Rettungsanker

Im Oktober 2025 präsentierte Bürgermeister Peter Tschentscher die vermeintliche Lösung. Die Stadt Hamburg will die unteren zwölf Stockwerke des Elbtowers kaufen und dort auf 46.000 Quadratmetern Fläche das Naturkundemuseum der Leibniz Gemeinschaft einziehen lassen. Das entspricht etwa 48 Prozent der Gesamtfläche des nunmehr gekürzten Turms. Der Festpreis: 595 Millionen Euro.

Finanzsenator Andreas Dressel argumentiert mit einer Kosten Nutzen Analyse. Ein Neubau für das Naturkundemuseum würde laut Stadt 824 Millionen Euro kosten, rund 230 Millionen mehr als der Einstieg in den Elbtower. Zudem wäre das Museum im Elbtower rund fünf Jahre früher fertig, möglicherweise schon 2029. Die Argumentation klingt bestechend. Doch sie hat Lücken.

Ein Museum in der Bauruine: Die kritischen Fragen

Die Entscheidung für den Elbtower als Museumsstandort wirft städtebauliche und architektonische Grundsatzfragen auf. Kann ein als Büro und Hotelhochhaus konzipiertes Gebäude ohne Weiteres zum Forschungsmuseum mit Sammlungsflächen umfunktioniert werden? Die Grundrisse eines Hochhauses folgen anderen Logiken als die eines Museums, das Besucherströme lenken, Exponate inszenieren und wissenschaftliche Sammlungen mit über zehn Millionen Objekten aufbewahren soll.

Matthias Glaubrecht, wissenschaftlicher Projektleiter des neuen Museums, zeigt sich zuversichtlich, dass die räumlichen Strukturen flexibel genug sind. Doch Flexibilität ist in der Architektur oft ein Euphemismus für Kompromisse. Das historische Naturhistorische Museum am Steintorwall, das 1943 zerstört wurde, war ein wilhelminischer Prachtbau mit großzügigem Innenhof, umlaufenden Galerien und freitragenden Brücken. Es war einst das zweitgrößte Naturkundemuseum Deutschlands und das meistbesuchte. Der Vergleich mit einem adaptierten Hochhaus Sockel fällt ernüchternd aus.

Wenn der Boden nachgibt

Mindestens ebenso beunruhigend sind die bautechnischen Probleme. Im April 2025 wurde bekannt, dass der Elbtower durch Mitnahmesetzungen gravierende Schäden am Bahnhof Hamburg Elbbrücken verursacht hat. Das Gewicht des Rohbaus hat den Boden in der Umgebung absenken lassen, mit spürbaren Auswirkungen auf die Bahninfrastruktur. Die Setzungen im Bereich der Eisenbahnbrücke waren so groß, dass bereits Teile ausgetauscht werden mussten.

Die Hamburger Bauaufsicht verhängte daraufhin ein Bauverbot bis mindestens März 2026. Der Weiterbau ist nur möglich, wenn die Schäden an der Bahnstrecke vollständig beseitigt und geeignete Maßnahmen zur Stabilisierung des Untergrunds durchgeführt wurden. Die Deutsche Bahn hatte bereits 2021 Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt. Sie befürchtete, dass durch das Gewicht des Wolkenkratzers Schäden an ihren Anlagen sowie Betriebsstörungen entstehen könnten. Diese Befürchtungen haben sich bewahrheitet.

Der gebrochene Schwur

Die politische Dimension der Entscheidung wiegt schwer. Bürgermeister Tschentscher hatte nach der Signa Pleite mehrfach betont, dass sich die Stadt nicht finanziell am Elbtower beteiligen werde. CDU Fraktionschef Dennis Thering sprach von einem Wortbruch und einer Schocksumme von 595 Millionen Euro für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Auch der Bund der Steuerzahler kritisiert die geplante Investition in ein zuvor privatwirtschaftlich gescheitertes Projekt als haushaltspolitisch fragwürdig.

Tschentschers Verteidigung wirkt defensiv. Die Grundregel der Landeshaushaltsordnung, der sparsame Umgang mit Steuergeld, bedeute, dass man die wirtschaftlichste Lösung nicht nur prüfe, sondern auch nehme. Der Rechnungshof würde toben, wenn wir das alles so aktenkundig feststellen und dann sagen: Nein, das machen wir jetzt aber mal nicht, weil wir irgendwie einen Groll haben. Die Argumentation übersieht, dass die Stadt Hamburg erst durch ihre Kaufzusage dem Investorenkonsortium um Dieter Becken den Weiterbau ermöglicht.

Ein verkleinertes Symbol

Der neue Elbtower wird deutlich bescheidener ausfallen als geplant. Von 245 Metern soll der Turm auf 199 Meter gekürzt werden. Zwölf Etagen entfallen, statt 64 Stockwerken soll der Elbtower nur noch 52 haben. Mit Zustimmung von David Chipperfield werden die oberen Büroetagen gestrichen. Der Architekt, der das Urheberrecht am Entwurf besitzt, musste für diese Amputation seine Einwilligung geben.

Für Hamburg entsteht damit ein städtebaulicher Kompromiss. Ein Turm, der zu niedrig ist, um wirklich ikonisch zu sein, und zu hoch, um sich harmonisch in das Hafenpanorama einzufügen. Die Elbphilharmonie auf der einen Seite, der gestutzte Elbtower auf der anderen: ein Diptychon des Hamburger Umgangs mit Großprojekten.

Die Last der Geschichte

Die eigentliche Tragik liegt tiefer. Hamburg schließt mit dem neuen Naturkundemuseum Evolutioneum eine Lücke in der Museumslandschaft der Hansestadt. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Naturhistorische Museum gehörte zu den bedeutendsten Institutionen seiner Art in Deutschland. Die geretteten Sammlungen umfassen über zehn Millionen Objekte, die seit Jahrzehnten auf mehrere Standorte verteilt und nur fragmentarisch zugänglich sind.

Ein Staatsvertrag mit Nordrhein Westfalen von 2021 verpflichtet Hamburg, für das gemeinsame Leibniz Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels ein angemessenes Gebäude zu errichten. Diese Verpflichtung besteht unabhängig vom Elbtower. Die Frage ist nicht, ob Hamburg ein Naturkundemuseum braucht, sondern ob ein adaptierter Hochhaus Sockel der richtige Ort dafür ist.

Die offene Rechnung

Die Kostenvergleiche des Senats verdienen kritische Prüfung. Der Festpreis von 595 Millionen Euro gilt als All inclusive Paket. Doch was geschieht, wenn sich die Setzungsprobleme als gravierender erweisen als angenommen? Wer trägt die Verantwortung, falls die Schäden an den Bahnanlagen erneut auftreten? Ein halbfertiger Turm, dessen Statik bereits Probleme macht, ist keine ideale Grundlage für ein öffentliches Forschungsinstitut.

Der Elbtower zeigt exemplarisch die Risiken städtischer Großprojekte, wenn Politik, Investoren und Technik nicht im Gleichschritt arbeiten. Die Stadt Hamburg sucht nach einer Lösung, die Gesicht wahrt und finanziell vertretbar bleibt. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Der kurze Olaf wird Hamburg noch lange beschäftigen.