Baukunst - Architekturtage 2026: Warum Infrastruktur das Thema der Stunde ist
Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker stellen Infrastrukturkompetenz ins Schaufenster

Architekturtage 2026: Warum Infrastruktur das Thema der Stunde ist

25.02.2026
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Berthold Bürger

Was uns verbindet: Die Architekturtage 2026 und die politische Dimension der Infrastruktur

Ein Festival feiert seinen 13. Geburtstag. Das ist in der Kulturbranche keine Selbstverständlichkeit, und für ein biennales Format im Bereich Baukultur erst recht nicht. Die Architekturtage, Österreichs größte Publikumsveranstaltung für Architektur und Ingenieurwesen, treten von 28. bis 30. Mai 2026 in ihre 13. Ausgabe ein. Das Thema lautet: „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags.“ Drei Tage, neun Bundesländer, zehn Architekturhäuser, über 300 Veranstaltungen. Die Zahlen klingen beeindruckend. Die Frage, die sich erfahrene Beobachterinnen und Beobachter stellen sollten, lautet: Reichen Zahlen und guter Wille?

Eine Zeitbombe aus Beton und Stahl

Die Themenwahl ist keine beliebige. Sie ist dringend. Rund 70 Prozent der Infrastrukturanlagen, die Österreich bis 2050 benötigen wird, existieren heute noch nicht. Das ist keine Prognose aus einem Zukunftsinstitut, das ist der nüchterne Befund der Veranstalter selbst. Kraftwerke, Tunnelbauten, Brücken, Recyclinganlagen, Abwasserinfrastruktur: Der Investitionsbedarf ist enorm, der öffentliche Diskurs darüber auffällig still. Genau hier liegt die Stärke dieses Festivalansatzes. Wer Infrastruktur zum Thema macht, betreibt nicht Architekturvermittlung im herkömmlichen Sinne, sondern gesellschaftliche Aufklärung.

Infrastrukturbauten sind die ungeliebten Stiefkinder der Architekturwelt. Keine Biennale-Pavillons, keine Hochglanzkataloge, selten Jury-Favoriten. Dabei sind Kanalisation und Stromtrassen die unsichtbaren Voraussetzungen jedes glamourösen Stadtquartiers. Die Architekturtage wagen den Versuch, diese blinden Flecken ins Licht zu rücken. Das verdient Respekt. Es verdient aber auch kritische Begleitung.

Berufspolitik zwischen Kammer und Podium

Veranstaltet wird das Festival von der Bundeskammer und den Länderkammern der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker sowie der Architekturstiftung Österreich. Dieses Trägermodell ist mehr als organisatorischer Hintergrund. Es ist ein berufspolitisches Statement. Die Kammern positionieren sich mit der Themenauswahl als Akteurinnen in der Infrastrukturdebatte und behaupten damit Relevanz in einer politischen Sphäre, die von Ingenieurbüros, Baukonzernen und öffentlichen Auftraggebern dominiert wird.

Das ist strategisch klug. Architekten und Architektinnen, aber auch Zivilingenieure und Zivilingenieurinnen stehen in der Infrastrukturplanung strukturell unter Druck: Vergabeverfahren bevorzugen häufig Angebote, die Planungsleistungen zu Dumpingpreisen einschließen, die HOAI-Debatten auf österreichische Verhältnisse übertragen. Wer Infrastruktur als kulturelles und gestalterisches Thema besetzt, stärkt mittelbar auch die Honorarargumente der Planenden. Ein öffentlich wahrgenommener Gestaltungsanspruch ist die Voraussetzung für öffentlich akzeptierte Planungshonorare. Die Kammerpolitik lässt sich in der Themenwahl der Architekturtage lesen, auch wenn das nirgendwo explizit steht.

Zehn Häuser, eine Sprache?

Die Programmkuratierung liegt bei den zehn Architekturhäusern Österreichs: vom afo architekturforum in Linz über das Architekturzentrum Wien bis zum vai in Vorarlberg. Dieses dezentrale Modell ist eine der konzeptuellen Stärken des Festivals. Es garantiert Regionalbezug und verhindert die Zentralisierung des Diskurses in Wien. Gleichzeitig birgt es eine strukturelle Schwäche: zehn Institutionen mit unterschiedlichen Ressourcen, Netzwerken und inhaltlichen Schwerpunkten erzeugen zwangsläufig ein ungleiches Programm.

Die Frage, ob ein Festivalbesucher in Eisenstadt dasselbe Programmniveau erleben kann wie in Graz oder Innsbruck, ist nicht akademischer Natur. Sie ist eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit kultureller Vermittlungsarbeit. Ein Festival, das für sich beansprucht, ganz Österreich zu erreichen, muss sich an diesem Anspruch messen lassen. Das detaillierte Programm soll erst ab Mitte Februar 2026 auf der Website abrufbar sein, was die Beurteilung derzeit noch einschränkt.

Offene Studios, offene Fragen

Das Format OPENSTUDIO26 ist einer der sympathischsten Programmbausteine. Architektinnen und Architekten sowie Zivilingenieurinnen und Zivilingenieure öffnen österreichweit ihre Ateliers. Das ist Baukulturdialog ohne Podium und Moderatorin, auf Augenhöhe, im Arbeitsalltag verankert. Die Einreichfrist läuft bis zum 17. April 2026. Der OPENCALL26 ergänzt das Bild: Interessierte können Fotos und Visionen zum Infrastrukturthema einreichen, bis zum Festivaltag am 30. Mai 2026.

Diese partizipativen Formate sind wichtig. Sie sind aber auch anfällig für das, was man in der Kulturbranche als „Engagement-Theater“ kennt: Beteiligung, die primär der Außendarstellung dient, ohne in tatsächliche planerische oder politische Prozesse zurückzuwirken. Die entscheidende Frage lautet: Was passiert nach dem Festival? Werden die Visionen zum Thema Infrastruktur irgendwo aggregiert, ausgewertet, an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger weitergeleitet? Oder verschwinden sie in einem Archiv?

Best Practice und Kontroverse als Programmprinzip

Bemerkenswert ist die ausdrückliche Ankündigung, neben Best-Practice-Beispielen auch kontroverse Projekte zu präsentieren. Das ist kein selbstverständlicher Schritt für ein Festival, das von Kammern getragen wird. Institutionen, die Interessenvertretung betreiben, tendieren erfahrungsgemäß zur Harmonisierung, nicht zur Konfrontation. Wenn die Architekturtage 2026 tatsächlich Projekte zeigen, die Infrastrukturentwicklung als gesellschaftlichen Konflikt darstellen, also Bauten, die Gemeinden spalten, Landschaften verändert haben, ökologische Kosten produzieren, dann wäre das ein qualitativer Sprung gegenüber mancher Vorjahresausgabe.

Dieser Anspruch muss sich am Programm messen lassen, das im Februar erscheint. Kontroverse auf der Pressekonferenz ankündigen ist das eine. Kontroverse im Vermittlungsformat aushalten ist das andere.

Was ein Baukulturfestival heute leisten muss

Die 13. Ausgabe der Architekturtage findet in einem politischen Moment statt, in dem Infrastruktur keine neutrale technische Kategorie mehr ist. Klimaschutz, Energiewende, Mobilitätswende, Reparatur der sozialen Infrastruktur nach Pandemie und Sparpolitik: All das ist mit Bauen verknüpft, mit Planungsentscheidungen, mit Honorarstrukturen und Vergabeverfahren. Ein Festival, das diese Zusammenhänge sichtbar macht, betreibt Baukulturpolitik. Das ist legitim. Es ist sogar notwendig.

Was die Architekturtage dabei nicht aus dem Blick verlieren sollten: Baukulturvermittlung ist keine Einbahnstraße. Publikum zu informieren ist wichtig. Aber die Architektinnen und Architekten sowie Ingenieurinnen und Ingenieure, die täglich mit Infrastrukturaufgaben konfrontiert sind, von der Gemeindeplanerin im Waldviertel bis zum Tiefbauingenieur in der Steiermark, brauchen aus einem solchen Festival auch Rückenwind für ihre eigene Berufspraxis. Das Festival hat das Potenzial, beides zu leisten. Ob es dieses Potenzial ausschöpft, entscheiden drei Tage im Mai.

Die zehn kuratierenden Architekturinstitutionen

Die Programmkuratierung und Umsetzung liegt bei den zehn Architekturhäusern Österreichs, die jeweils eigenständige Programme für ihre Region entwickeln:

Institution Bundesland Website
afo architekturforum oberösterreich Oberösterreich www.afo.at
Architektur Haus Kärnten Kärnten www.architektur-kaernten.at
ARCHITEKTUR RAUMBURGENLAND Burgenland www.architekturraumburgenland.at
Az W – Architekturzentrum Wien Wien www.azw.at
aut. architektur und tirol Tirol www.aut.cc
HDA – Haus der Architektur Graz Steiermark www.hda-graz.at
Initiative Architektur Salzburg Salzburg www.initiativearchitektur.at
ÖGFA – Österreichische Gesellschaft für Architektur Wien (bundesweit) www.oegfa.at
ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich Niederösterreich www.orte-noe.at
vai – vorarlberger architektur institut Vorarlberg www.v-a-i.at

Veranstalter

Bundeskammer der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker

inkl. aller neun Länderkammern

www.arching.at

Architekturstiftung Österreich

Förderung von Baukultur und Architekturvermittlung

www.architekturstiftung.at

Programm- und Teilnahmeformate

Format Beschreibung Frist / Termin
Bauvisiten Besichtigungen von Infrastrukturbauten: Kraftwerke, Tunnel, Brücken, Recyclinganlagen, Abwasseranlagen 28. bis 30. Mai 2026
Bus- und Fahrradtouren Kuratierte Touren zu ausgewählten Infrastrukturstandorten in allen Bundesländern 28. bis 30. Mai 2026
Ausstellungen Präsentationen zu Infrastrukturprojekten: Best-Practice-Beispiele und kontroverse Projekte 28. bis 30. Mai 2026
Diskussionen und Vorträge Fachgespräche mit Planenden, Auftraggebern und Expertinnen und Experten 28. bis 30. Mai 2026
Filmprogramm Dokumentarfilme und Kurzfilme zu Infrastruktur und Ingenieurtechnik 28. bis 30. Mai 2026
Kinder- und Jugendprogramm Altersgerechte Formate zur Baukulturvermittlung an Schulen und im Festival 28. bis 30. Mai 2026
OPENSTUDIO26 Architektinnen und Architekten sowie Zivilingenieurinnen und Zivilingenieure öffnen ihre Büros und Ateliers österreichweit Einreichung bis 17. April 2026
OPENCALL26 Offen für alle: Fotos, Ideen und Visionen zum Thema Infrastrukturen können eingereicht werden Einreichung bis 30. Mai 2026