Baukunst - Das Ende einer Setzung: DASMAXIMUM in Traunreut schließt nach vierzehn Jahren
Privatsache Kunst: Warum Traunreut seinen Leuchtturm verliert © Depositphotos_754862188_S

Das Ende einer Setzung: DASMAXIMUM in Traunreut schließt nach vierzehn Jahren

19.04.2026
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Claudia Grimm

Baukunst.art / Regionales / April 2026

Ende einer Setzung: Warum Heiner Friedrichs Privatmuseum in Traunreut schließt

Ein Privatmuseum ist eine aus privaten Mitteln errichtete, dauerhaft öffentlich zugängliche Sammlung, deren Fortbestand vom Willen und den Ressourcen einer einzelnen Person oder Familie abhängt. Dieser Satz erklärt, warum in Oberbayern ein Kapitel zu Ende geht: Nach vierzehn Jahren schließt das Museum DASMAXIMUM. KunstGegenwart in Traunreut seine Türen. Das 2010 von Heiner Friedrich errichtete Stiftungshaus, eines der stillsten und zugleich radikalsten Ausstellungsprojekte der Bundesrepublik, beendet den Museumsbetrieb. Die Stiftung richtet sich nach eigenen Angaben konzeptionell neu aus.

Friedrich, Sohn des Alzmetall-Gründers Harald Friedrich und einer der prägenden Galeristen und Mäzene der zweiten Jahrhunderthälfte, hatte zwischen 2010 und 2011 die ehemaligen Werkshallen des elterlichen Unternehmens, die einst der Produktion des Kleinwagens „Spatz“ gedient hatten, zu einem Ausstellungsort umbauen lassen. Im Juli 2011 öffnete DASMAXIMUM auf rund 4.300 Quadratmetern. Zur Anlage gehörte auch das Altenmarkter Schulhaus aus der Nachkriegszeit, der sogenannte Holzstadel, der wegen seiner kleinen Fenster und seiner Waldlage die vollständige Installation der Lichtarbeit „European Couples“ von Dan Flavin bei Tageslicht erlaubte. Die Sammlung zeigte dauerhaft eingerichtete Werkgruppen von Dan Flavin, Walter De Maria, Andy Warhol, John Chamberlain, Imi Knoebel, Georg Baselitz, Blinky Palermo, Uwe Lausen und Maria Zerres.

Warum war DASMAXIMUM mehr als ein oberbayerisches Provinzmuseum?

Das Haus verfolgte ein kuratorisches Prinzip, das in der deutschen Museumslandschaft selten ist. Werkgruppen dauerhaft und unverändert in eigens konzipierten Räumen, ohne wechselnde Sonderausstellungen, ohne rotierende Hängung, ohne Kunstlicht. Die Philosophie, das Kunstwerk ohne jede Interpretation selbst sprechen zu lassen, kehrte damit aus dem amerikanischen Kontext nach Deutschland zurück. Friedrich hatte sie ab 1974 mit der Dia Art Foundation in New York institutionalisiert, mit Räumen, die ausschließlich einem Werk oder einem Künstler gewidmet sind. Architektonisch bedeutete das in Traunreut: keine White-Cube-Neutralität, sondern Hallen, deren industrielle Herkunft ablesbar blieb, mit schlanken Tragwerken, sichtbarem Dachstuhl und Tageslicht als primärer Lichtquelle. Die Traunreuter Setzung stand in einer Reihe mit der Dia Beacon im Hudson Valley, dem „Lightning Field“ Walter De Marias in New Mexico, der Kunstinsel Naoshima in Japan und, näher, dem „Vertikalen Erdkilometer“ Walter De Marias am Friedrichsplatz in Kassel.

Vor diesem Hintergrund war die oberbayerische Kleinstadt Traunreut, ein Produkt der Nachkriegsplanung mit rund 21.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, nur scheinbar ein ungewöhnlicher Ort. Friedrich knüpfte an die Biografie seiner Familie und an das industriekulturelle Erbe seines Vaters an. Die Kooperation mit der Pinakothek der Moderne im Rahmen des „American Summer“ 2011, die Nachbarschaft zum Dream House Polling (La Monte Young und Marian Zazeela, Stiftung Klang-Licht-Raum) und die Zusammenarbeit mit Hubert Burda Media zur Ausstellung „Zentrum der Reaktion“ im Jahr 2024 um das Künstlerpaar Uwe Lausen und Heide Stolz zeigten, dass der Ort in ein internationales Netzwerk eingebunden war. Langjährige Vorständin und kuratorische Wegbegleiterin Friedrichs war Dr. Corinna Thierolf, die in der Abschiedserklärung der Stiftung ausdrücklich gewürdigt wird.

Rechtlich und institutionell lag das Museum in einer typischen Konstellation. Träger war die Stiftung DASMAXIMUM, eine rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts nach den §§ 80 ff. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) und dem Bayerischen Stiftungsgesetz (BayStG). Für die in der Sammlung enthaltenen Werke gilt wie für jede bedeutende Privatsammlung das Kulturgutschutzgesetz (KGSG) vom 31. Juli 2016, das die Ausfuhr national wertvollen Kulturguts beschränkt und die Verzeichnung in öffentlichen Listen vorsieht. Beide Rahmen werden bei der Neuausrichtung der Stiftung und bei jeder möglichen Überführung von Werkgruppen eine Rolle spielen.

Ist die Schließung ein Zeichen für den Niedergang Deutschlands als Kunst-Ort?

Die Frage liegt auf der Hand, sie trägt aber zu dick auf. Richtig ist, dass die Schließung ein Verlust ist. Ein Ort, der ohne Eventbetrieb und ohne Ticketmaschine ausgekommen ist, fehlt. Richtig ist auch, dass private Museen in Deutschland strukturell schwächer verankert sind als in Frankreich, wo die Fondation Louis Vuitton, die Bourse de Commerce (Pinault Collection) und die Fondation Cartier in den vergangenen Jahren ganze Stadtviertel neu justiert haben. Das liegt weniger an mangelndem Sammlerwillen als an steuerrechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, die Mäzenatentum in Frankreich seit der Loi Aillagon von 2003 in einer Weise fördern, die in der Bundesrepublik nicht vergleichbar ist.

Von einem Niedergang zu sprechen wäre dennoch falsch. Die Sammlung Goetz in München, das Museum Brandhorst, die Sammlung Boros in Berlin, die Feuerle Collection, das Schauwerk Sindelfingen, die Langen Foundation in Neuss, die Sammlung Hurrle in Durbach und die Kunsthalle Weishaupt in Ulm beweisen, dass private Häuser weiterhin getragen werden. Zugleich zeigt der Fall der Sammlung Gerlinger am Buchheim Museum, ebenso wie der Rückzug der Sammlung Essl in Klosterneuburg von 1999 bis 2016, dass die Überführung privater Sammlungen in die nächste Generation die eigentliche Schwachstelle ist. Die Schließung in Traunreut steht in dieser Tradition, nicht in einer Niedergangserzählung.

Der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Markus Blume hat öffentlich Hoffnungen auf eine Zukunft der Sammlung geäußert. Die Museumsoffensive der Kulturagenda Bayern, die das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (StMWK) zusammen mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen unter der interimistischen Leitung von Anton Biebl betreibt, kennt Formate für die Einbindung privater Bestände. Denkbar wären Dauerleihgaben an die Pinakothek der Moderne, eine Überführung einzelner Werkgruppen in die Sammlung Brandhorst oder eine Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle und den Häusern K20 und K21 in Düsseldorf. Ebenso denkbar ist eine Lösung vor Ort, die das ensemblehafte Prinzip der bestehenden Hängung bewahrt, und sei es in reduzierter Form als Außenstelle einer staatlichen Sammlung. Entscheidungen dieser Größenordnung sind jedoch Angelegenheit der Stiftung und ihres Kuratoriums, nicht der staatlichen Hand.

Was bleibt, ist eine architektonische und kulturgeschichtliche Lehre. Die umgenutzten Werkshallen in Traunreut, das sanierte Altenmarkter Schulhaus und die Einbettung in den bestehenden Stadtraum waren ein Modellfall für Konversion als Kulturproduktion, mit durchgängig natürlicher Belichtung als leitendes Entwurfsprinzip. Dass ein solcher Ort sich nicht automatisch in die dritte Dekade trägt, liegt nicht an der Qualität der Architektur oder der Sammlung, sondern an der strukturellen Abhängigkeit vom Stifter und am Fehlen eines öffentlich-rechtlichen Ankers. Wer Privatmuseen als Teil der öffentlichen Kultur denken will, muss die Frage der Generationenübergabe beantworten, bevor sie sich stellt. Traunreut ist damit kein Beleg für den Niedergang Deutschlands als Kunst-Ort, sondern ein Hinweis auf die nächste kulturpolitische Baustelle.