
baukunst.art | INSPIRATION | April 2026
Der Eames-Code. Warum Kettal verkauft, was 77 Jahre unverkäuflich war
Ein Versprechen, lange aufgeschoben
Charles Eames schrieb 1944 in „Arts & Architecture“ von der Notwendigkeit industrieller Bauweise, um den massiven Wohnungsbedarf zu decken. Ray und er entwarfen das eigene Haus in Pacific Palisades, Case Study 8, als Experiment: ein Stahlrahmen, Glas, farbige Tafeln, ein Eukalyptushain. Es sollte ein Anfang sein, keine Singularität.
Dass ausgerechnet Kettal aus Barcelona diesen Anfang nun in ein marktfähiges System übersetzt, hat Stilbewusstsein und strategische Logik. Das 1966 gegründete Familienunternehmen verfügt seit Jahrzehnten über Erfahrung mit modularen Aluminiumstrukturen, bioklimatischen Pavillons und internationaler Logistik, drei Grundvoraussetzungen, an denen alle Vorläuferprojekte scheiterten. Das Eames Pavilion System, das die Triennale di Milano ab 21. April zeigt, verknüpft damit zwei Lineaturen: die kalifornische Moderne der Nachkriegsjahre und die katalanische Präzisionsindustrie des frühen 21. Jahrhunderts.
Die Grammatik des Pavillons
Wer die zweigeschossige Variante in Mailand betritt, erkennt die Verwandtschaft zu Case Study 8 sofort und erst beim zweiten Blick die Abweichungen. Der schwarze Rahmen ist nicht mehr Stahl, sondern ein präzise gewalztes Aluminiumprofil. Die geometrische Zeichnung der Fassade, weiße Rechtecke, Primärfarben, ein Rot wie ein Versprechen, stammt aus derselben Gestaltungsmatrix, die das Gründerpaar für das eigene Haus entwickelte. Hinter den Glasscheiben schimmern Zickzack-Verstrebungen, und die Wandtafeln zitieren, ohne zu kopieren, das Tallowwood der Originalwand.
Antonio Navarro, Kreativdirektor bei Kettal, und Eckart Maise, ehemaliger Design-Chef von Vitra und Autor des im Mai bei Phaidon erscheinenden Bandes „The Eames Houses“, arbeiteten mehrere Jahre am Abgleich zwischen Archivlogik und Baurealität. Das Ergebnis ist kein Remake, sondern ein Regelwerk. Proportionen, Fügungen, Dichtungen, Toleranzen, UV-Beständigkeit: jedes Detail prüften und justierten die beiden neu, damit die Formensprache der späten vierziger Jahre mit heutigen Normen, Klimazonen und Nutzungserwartungen zusammengeht.
Farbfelder, Proportion, Licht
Der emotionale Kern des Systems liegt dort, wo Kategorien versagen. Charles und Ray Eames entwarfen nicht einfach Häuser, sondern Rahmen für ein Leben, in dem Spielzeug, Kunst, Bücher und Musik gleichrangig auftraten. Eine Innenwand im Pavillon verschwindet hinter einem Raster aus bunten Tafeln, Primärfarben in disziplinierter Komposition, und plötzlich schwingt jene „Frische“ mit, die Ray Eames einmal als das Ziel allen Gestaltens bezeichnete.
Das Licht zeichnet durch die schwarz gerahmten Fenster Bänder auf den Boden, folgt den Stegen der Sprossen, tastet die Oberflächen ab. Der Pavillon ist kein Objekt, er ist eine Partitur für Tageszeiten. Dass ein vorgefertigtes Kit-of-Parts diese Qualität trägt, ohne in Museumslogik abzurutschen, gehört zu den interessantesten Leistungen der Kollaboration.
Aluminium statt Stahl, eine leise Revolution
Die Materialentscheidung ist mehr als pragmatisch. Aluminium erlaubt engere Toleranzen, geringeres Gewicht, bessere Reparierbarkeit. Die Konstrukteurinnen und Konstrukteure denken die Struktur auf Rückbau, Umnutzung und jahrzehntelange Zweitverwendung hin; Glas, Polycarbonat und Holz treten hinzu, ergänzt durch bioklimatische Dächer, integrierte Beleuchtung und digitale Konfigurationswerkzeuge. Der Öko-Ausweis fällt damit stärker aus als jener des Originals, ohne dass die formale Radikalität verloren ginge.
Die Kritik liegt auf der Hand. Der Einstiegspreis von 2.800 Euro pro Quadratmeter für die eingeschossige Version stellt das Projekt in ein gehobenes Marktsegment; ein Pavillon von vier Metern Kantenlänge beginnt indoor bei rund 45.000 Euro, outdoor bei 60.000 Euro. Die zweigeschossige Variante in Mailand kommt auf etwa 145.000 Euro. Der universelle Anspruch, den die Eameses formulierten, bleibt in dieser Preislage eine Chiffre.
Zwischen Ikone und Alltag
Und doch: Die Pavillons sollen nicht nur Häuser werden, sondern auch Büros, Ateliers, Tonstudios, Ausstellungsflächen, Pop-up-Läden. Damit erfüllt das System etwas, das vielen Reverenzen an die Moderne fehlt. Es ist nicht Zitat, sondern Gebrauchsgegenstand. Eames Demetrios, Enkel des Gründerpaares und Direktor des Eames Office, hält fest, dass seine Großeltern nie an eine Heiligsprechung einzelner Bauwerke gedacht hätten, sondern stets an eine Vermehrung, an Serien, an Reproduzierbarkeit.
Die parallel eröffnende Triennale-Schau „The Eames Houses“ schärft diesen Blick. Sie zeigt erstmals das gesamte residenzielle Werk inklusive rarer Zeichnungen, Filme und Modelle von acht Entwürfen. Die Ikone Case Study 8 war immer nur der sichtbarste Punkt einer längeren Linie. Das Eames Pavilion System setzt diese Linie fort. Ob es gelingt, die demokratische Geste des Ursprungs in eine demokratische Realität zu überführen, werden Bauherrinnen und Bauherren, Architektinnen und Architekten in den kommenden Jahren entscheiden. Als ästhetische Haltung indes, als Bekenntnis zu Klarheit, Proportion und heiterer Strenge, ist der Mailänder Auftritt eine der leisesten und zugleich entschiedensten Ansagen dieses Jahres.

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