Baukunst - Anish Kapoor im Lehmbruck-Museum: Wenn Skulptur die Nachkriegsmoderne befragt
Das Lehmbruck Museum in Duisburg © Depositphotos_226699782_S

Anish Kapoor im Lehmbruck-Museum: Wenn Skulptur die Nachkriegsmoderne befragt

18.05.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Regionales | NRW | Mai 2026

Anish Kapoor in Duisburg: Wenn der Spiegel auf Beton trifft

Das Lehmbruck Museum in Duisburg zeigt vom 24. April bis zum 30. August 2026 die umfangreichste Anish-Kapoor-Ausstellung in Deutschland seit über einem Jahrzehnt. Sie ist zugleich die wohl präziseste Begegnung zwischen zeitgenössischer Bildhauerei und der Architektur der westdeutschen Nachkriegsmoderne, die das Ruhrgebiet derzeit zu bieten hat.

Die Ausstellung würdigt den 1954 in Mumbai geborenen, in London lebenden Bildhauer als Träger des Wilhelm-Lehmbruck-Preises 2025 der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Die Auszeichnung gehört seit 1966 zu den international renommiertesten Bildhauerpreisen, wird alle fünf Jahre vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Frühere Preisträgerinnen und Preisträger waren Eduardo Chillida (1966), Jean Tinguely (1976), Claes Oldenburg (1981), Joseph Beuys (1986), Richard Serra (1991), Richard Long (1996), Nam June Paik (2001), Reiner Ruthenbeck (2006), Rebecca Horn (2017) sowie zuletzt Janet Cardiff und George Bures Miller (2020). Joseph Beuys nahm den Preis 1986 nur elf Tage vor seinem Tod entgegen und nannte Wilhelm Lehmbruck seinen Lehrer. Kapoor reiht sich damit in eine Linie ein, die das Lehmbruck Museum konsequent als Diskursort der internationalen Bildhauerei positioniert.

Was passiert, wenn Kapoors Spiegel auf Manfred Lehmbrucks Sichtbeton treffen?

Die räumliche Konstellation dieser Ausstellung ist Programm. Der Museumsbau, entworfen von Manfred Lehmbruck (1913 bis 1992), dem Sohn des Namensgebers Wilhelm Lehmbruck, gilt als eines der Schlüsselwerke der bundesrepublikanischen Museumsarchitektur. Errichtet zwischen 1956 und 1964, ergänzt zwischen 1985 und 1987 durch einen weiteren Bauabschnitt in Kooperation mit dem Dortmunder Architekten Klaus Hänsch, verbindet das Ensemble zwei gegensätzliche Raumkonzepte. Der eingegrabene Lehmbruck-Flügel mit seinen geschwungenen Sichtbetonwänden, dem zentralen Atrium und den versetzten Galerieebenen formuliert eine introvertierte, fast sakrale Atmosphäre. Die transparente Glashalle daneben, eine stützenfreie Stahl-Glas-Konstruktion mit flexiblem Stellwandsystem, öffnet sich vollständig zum umliegenden Kantpark.

Bereits 1968 nahm das Museum of Modern Art den Bau in seine Ausstellung „Architecture of Museums“ auf, 2019 wurde das Ensemble von der Bauhaus Kooperation in die Liste der „100 Orte der Moderne“ aufgenommen. Die Materialpalette aus Sichtbeton, Basalt, weißem Kiesel und brauner Klinkerziegelung wurde im Zuge einer Rehabilitierungsmaßnahme 2010 freigelegt, nach Bauschäden musste das Haus zeitweise schließen. Heute steht das Ensemble als denkmalgeschütztes Zeugnis seiner Epoche da, geschützt nach dem Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen (DSchG NRW).

Kapoor hat seine Werkauswahl explizit auf diese Architektur abgestimmt. Die Begegnung von monochromen Pigmentarbeiten, spiegelnden Edelstahlskulpturen und monumentalen Installationen mit den lichtdurchfluteten Hallen und den geschwungenen Betonschalen wird vom Museum als Resonanzraum beschrieben. Die Fragen nach Wahrnehmung, Körper und Raum, die Kapoors Werk durchziehen, finden in der Lehmbruck-Architektur einen kongenialen Verstärker. Hier zeigt sich, was selten gelingt: eine Ausstellungsarchitektur, die nicht neutraler Container für die Kunst ist, sondern als gleichberechtigte Stimme im Dialog mit ihr steht.

Bereits seit dem Jahr 2000 gehört Kapoors Skulptur „White Dark V“ zur Sammlung des Hauses. Die aktuelle Schau überführt diesen Einzelimpuls in ein vollständiges Werkpanorama, kuratiert in enger Abstimmung mit dem Künstler. Zu sehen sind frühe Pigmentarbeiten, in denen Kapoor mit gepuderten Oberflächen aus Ultramarin, Rot und Schwarz die Grenze zwischen Skulptur und Malerei auflöst, daneben spiegelnde Edelstahlobjekte wie die ikonischen S-Kurven, die den Betrachterraum vollständig in sich aufnehmen und verzerren, und monumentale Werke, die ganze Galerieebenen besetzen. Wer Kapoors international bekannteste Arbeit „Cloud Gate“ aus dem Chicagoer Millennium Park im Kopf hat, erlebt in Duisburg nicht die Architektur einer Stadt als Reflexionsfläche, sondern eine im Sichtbeton verankerte, deutlich konzentriertere Räumlichkeit. Genau diese Verschiebung macht die Ausstellung architekturhistorisch interessant.

Welche Rolle spielt das Ruhrgebiet in der internationalen Skulpturenlandschaft?

Die Ausstellung ist mehr als ein Ausstellungsereignis, sie ist ein kulturpolitisches Statement. Das Lehmbruck Museum positioniert sich seit Jahrzehnten als Zentrum Internationaler Skulptur und behauptet diese Rolle gegen den oft beschworenen kulturellen Schwerpunkt der Rheinschiene zwischen Köln und Düsseldorf. Die Förderstruktur der Ausstellung verdeutlicht das regionale Selbstverständnis: Träger sind neben der Stadt Duisburg der Landschaftsverband Rheinland (LVR), das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die duisport-Duisburger Hafen AG, die Sparkasse Duisburg sowie die Sparkassen Kulturstiftung Rheinland.

Die Verbindung von kommunaler, landschaftsverbandlicher und industrieller Förderung folgt einem Muster, das im Ruhrgebiet historisch verankert ist. Wo andernorts private Stiftungen oder Bundesmittel dominieren, tragen hier die Strukturen der Industrieregion mit. Der Wilhelm-Lehmbruck-Preis selbst, seit 2020 mit voller LVR-Finanzierung ausgestattet, bestätigt diese Praxis. Aus städtebaulicher und denkmalpflegerischer Sicht stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wie können Industrieregionen ihre kulturellen Infrastrukturen über Konjunkturen hinweg stabil halten? Das Duisburger Modell, in dem Hafen, Sparkasse, LVR und Land kooperieren, könnte als Referenz dienen.

Auch die Architekturgeschichte argumentiert für eine stärkere überregionale Wahrnehmung. Der Lehmbruck-Bau steht exemplarisch für eine Phase der westdeutschen Nachkriegsmoderne, in der Museumsarchitektur als sensible Raumkunst und nicht als architektonisches Ausrufezeichen verstanden wurde. Im Vergleich zu späteren Museumsbauten der Bilbao-Generation wirkt das Haus heute fast bescheiden, gerade darin liegt seine bleibende Qualität. Manfred Lehmbruck formulierte zur Eröffnung 1964 das Ziel, im Zentrum einer Großstadt einen Ort der Ruhe und Besinnung in enger Verbindung von Natur und Kunst zu schaffen, ein Anspruch, der heute angesichts überkuratierter Museumsbauten ungewohnt aktuell klingt. Die Auseinandersetzung mit Kapoors raumgreifendem Werk macht diese Qualität sichtbar.

Hinzu kommt der sieben Hektar große Skulpturenpark im umgebenden Immanuel-Kant-Park mit über vierzig Großskulpturen internationaler Bildhauerinnen und Bildhauer, darunter Henry Moore, Eduardo Chillida und Dani Karavan. Die Verzahnung von Innen- und Außenraum, von kuratierter Ausstellungssituation und frei zugänglicher Public-Art-Landschaft, ist im Ruhrgebiet einzigartig dicht. Das Lehmbruck Museum hat diesen Ansatz seit den 1990er Jahren systematisch in den Stadtraum erweitert, von der Brunnenmeile Königstraße bis zu Lutz Fritschs Rheinorange an der Rhein-Ruhr-Mündung. Wer die Ausstellung besucht, lernt damit eine integrale Auffassung kommunaler Bildhauerei kennen, die weit über die Museumsmauern hinausreicht.

Für die Architekturkultur der Region ist die Ausstellung damit doppelt bedeutsam. Sie würdigt einen der wichtigsten Bildhauer der Gegenwart und stellt zugleich eines der bedeutendsten Architekturensembles der Bundesrepublik in den Mittelpunkt. Wer nach Duisburg fährt, erlebt zwei Werke in ihrer wechselseitigen Verstärkung: eine über sechzig Jahre alte Architektur, die in der Begegnung mit Kapoors Skulpturen neu lesbar wird, und ein zeitgenössisches Werk, das in dieser konkreten räumlichen Konstellation Dimensionen entfaltet, die im neutralen White Cube unmöglich wären. Die Schau läuft bis zum 30. August 2026, Medienpartner ist das Magazin Monopol.

Leserinformation

Ausstellung: Anish Kapoor. Wilhelm-Lehmbruck-Preisträger der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland

Ort: Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg

Laufzeit: 24. April bis 30. August 2026

Anreise: ÖPNV ab Hauptbahnhof Duisburg fußläufig in zehn Minuten, Parkhäuser in Innenstadtnähe

Barrierefreiheit: nach DIN 18040-1 weitgehend erschlossen, Aufzüge und barrierearme Wege vorhanden

Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 5 Euro, Kinder bis 14 Jahren frei

Internet: http://lehmbruckmuseum.de