
baukunst.art | Regionales | Berlin | Mai 2026
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Vierundzwanzig Jahre für ein Museum
Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel ist seit dem 23. Oktober 2023 vollständig geschlossen und durchläuft eine zweistufige Generalsanierung, deren Gesamtfertigstellung das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) erst für 2037 in Aussicht stellt. Vierundzwanzig Jahre liegen damit zwischen dem ersten Spatenstich im Januar 2013 und der vollständigen Rückkehr eines Hauses, das zu den meistbesuchten Museen Deutschlands zählt. Der Pergamonaltar war bereits seit Herbst 2014 nicht mehr zugänglich; das Ischtar-Tor und die babylonische Prozessionsstraße bleiben es bis mindestens 2036. Was als denkmalgerechte Grundinstandsetzung begann, ist zum längsten Provisorium der deutschen Kulturbauhistorie geworden.
Der erste Bauabschnitt umfasst den Nordflügel und den Mittelbau mit dem Pergamonaltar und ist seit Dezember 2025 baulich fertiggestellt. Die Wiedereröffnung dieses Teils plant die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) für den 4. Juni 2027. Im zweiten Bauabschnitt, dessen Bauausführung im März 2025 begonnen hat, werden der Südflügel, der Südkopf und ein gänzlich neuer vierter Flügel errichtet. Die veranschlagten Gesamtkosten liegen laut BBR bei 1,5 Milliarden Euro; das Bundesamt teilte Mitte Mai 2026 mit, dieser Rahmen werde nach aktueller Prognose nicht überschritten, der Bauabschnitt A liege jedoch um bis zu fünf Prozent über den 2017 genehmigten 489 Millionen Euro.
Träger sämtlicher Baukosten ist der Bund. Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer bezeichnete die teilweise Wiedereröffnung 2027 als kulturpolitischen Meilenstein. SPK-Präsidentin Marion Ackermann hob bei der Fertigstellung des Bauabschnitts A im Dezember 2025 die enge Abstimmung zwischen BBR, den drei beteiligten Museen und den Restaurierungswerkstätten hervor; der Wiedereröffnungstermin sei nach Jahren der Verschiebungen erstmals konkret datiert.
Warum dauert die Sanierung vierundzwanzig Jahre?
Die Bauaufgabe verbindet drei Schwierigkeitsgrade, die selten gleichzeitig in einem Projekt auftreten. Erstens der bauliche Zustand des Bestands. An Stahlkonstruktion, Dach, Lichtdecken, Fassaden, Gesimsen und gesamter technischer Ausrüstung dokumentierte das BBR vor Baubeginn massive Schäden. Im Südflügel sind die tragenden Außenwände des Untergeschosses durchfeuchtet; im Bauabschnitt A stießen die Bauleute auf Pumpenhäuser aus der Errichtungszeit zwischen 1910 und 1930, die nach Fertigstellung nicht abgebaut worden waren und in keiner Bestandsdokumentation auftauchten.
Zweitens die räumliche Lage. Sechs Meter neben dem Nordflügel verläuft eine hoch frequentierte Stadtbahntrasse, im Osten begrenzt die Spree, im Westen der Kupfergraben das Grundstück. Baustelleneinrichtungsflächen sind kaum vorhanden, statt der erforderlichen vier Kräne finden nur zwei Platz, Lagerflächen müssen permanent umgeräumt werden. Erschütterungssensible Tiefbauarbeiten unter der Stadtbahn mussten vor Einbringung der Exponate abgeschlossen sein.
Drittens die denkmalrechtliche Bindung. Das Pergamonmuseum gehört seit 1999 zum UNESCO-Welterbe Museumsinsel; die Grundinstandsetzung erfolgt nach den Vorgaben des Denkmalschutzgesetzes Berlin (DSchG Bln) und unterliegt dem Berliner Landesdenkmalamt. Architekturobjekte wie der Pergamonaltar konnten nicht ausgebaut werden, sie verblieben verpackt am Ort, hochsensible Messtechnik überwachte ihre Stabilität durch die gesamte Bauphase, parallel zur Sanierung wurden sie restauriert.
Viertens die Logistik der Großarchitekturen. Die Mschattafassade, ein monumentales Fragment des umayyadischen Wüstenschlosses Mschatta aus dem 8. Jahrhundert, wurde im Zuge der Sanierung vollständig aus dem Südflügel demontiert und im Nordflügel neu aufgebaut. Aleppo-Zimmer und Alhambra-Kuppel wurden in Werkstätten zerlegt, gereinigt und an den jeweils neuen Standorten wieder zusammengesetzt. Mehrere tausend Ausstellungsobjekte der drei beherbergten Sammlungen, also der Antikensammlung, des Museums für Islamische Kunst und des Vorderasiatischen Museums, wurden während der Schließung restauriert; einzelne Stücke gingen als Leihgaben an den Hamburger Bahnhof, das Kupferstichkabinett oder den Louvre. Allein dieser logistische Aufwand erstreckt sich planmäßig über das gesamte Bauzeitfenster.
Was bringt der vierte Flügel architektonisch?
Der Wettbewerbsentwurf des Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers, der den Wettbewerb im Jahr 2000 gewann und 2007 verstarb, greift einen unausgeführten Gedanken Alfred Messels auf: die Schließung der Dreiflügelanlage zu einem Karree. Der neue vierte Flügel verbindet die Kopfbauten von Nord- und Südflügel auf der Hauptausstellungsebene als aufgeständerte gläserne Vitrine. Tragende Stahlelemente werden mit fränkischem Muschelkalk bekleidet; das Material zitiert die Fassaden des Bestands. In diesem Flügel werden Großarchitekturen des Ägyptischen Museums präsentiert; erstmals seit Eröffnung wird ein geschlossener Rundgang entlang der antiken Architekturen möglich.
Der zweite zentrale Ergänzungsbau ist das gläserne Tempietto im Ehrenhof, das den Eingangspavillon von 1982 ersetzt und unmittelbar in die unterirdische Archäologische Promenade führt. Diese Promenade verbindet auf Ebene 0 das Pergamonmuseum mit dem Bode-Museum, dem Neuen Museum und dem Alten Museum. Sie ist die bauliche Manifestation des Masterplans Museumsinsel und macht aus den vier Häusern erstmals einen begehbaren Gesamtorganismus. Die Werkgemeinschaft Pergamonmuseum, bestehend aus Kleihues + Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH, Walter A. Noebel (verstorben 2012) und BAL Bauplanungs und Steuerungs GmbH, setzt den Ungers-Entwurf seit 2009 um.
Wie verändert das Provisorium die Berliner Museumslandschaft?
Mit dem Pergamon Panorama in unmittelbarer Nachbarschaft, errichtet 2018 nach Plänen von spreeformat architekten, betreibt die SPK ein Alternativangebot mit Yadegar Asisis 360-Grad-Panorama und ausgewählten Teilen des Pergamonaltars. Das Museum für Islamische Kunst zieht im Zuge der Sanierung dauerhaft vom Süd- in den Nordflügel um, auf mehr als doppelt so großer Ausstellungsfläche. Aleppo-Zimmer, Alhambra-Kuppel und die Mschattafassade wurden in Werkstätten zerlegt, restauriert und an den neuen Standorten wieder zusammengesetzt.
Architekturkritisch ist der lange Zeithorizont des Projekts inzwischen umstritten. Nikolaus Bernau hat in der Wochenzeitung Die Zeit die Prognose formuliert, das Haus werde bei Eröffnung 2037 klimatechnisch und energetisch ein Bauwerk der fossilen Vergangenheit sein; die Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) verschärfen sich schneller als der Bauablauf. Auch die internationale Restitutionsdebatte hat sich seit Wettbewerbsentscheidung verschoben: Türkische Stellen, darunter die Archäologin Zeynep Boz vom türkischen Kulturministerium, haben die Eigentumsverhältnisse am Pergamonaltar zuletzt öffentlich infrage gestellt. Die Provenienzforschung an den Sammlungen läuft während der Bauzeit weiter; ihre Ergebnisse werden Teil der neuen Dauerausstellungen sein und kuratorische Lösungen erfordern, die in den Planungsannahmen von 2007 noch keine Rolle spielten.
Die Hauptstadt trägt das Provisorium auf der Museumsinsel länger, als die meisten Häuser zwischen zwei grundlegenden Modernisierungen stehen. Wer 2013 als Studierende oder Studierender den Pergamonaltar zuletzt sah, wird ihn 2027 als Berufstätige oder Berufstätiger wiedersehen, und das Ischtar-Tor erst zehn Jahre danach. Das Pergamonmuseum wird so zur Lehrbuchstudie für die Grenzen denkmalgerechter Großprojekte unter Welterbe-Auflagen und für die Frage, ob Bauen bei laufendem Betrieb in dieser Dimension überhaupt sinnvoll bleibt. Berlin liefert die Antwort in Echtzeit.

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