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Weiterbauen statt wegreißen: Norddeutsche Antworten
Vom 8. Mai bis 24. August 2026 zeigt das Urbaneo in der HafenCity die DAM-Wanderausstellung „Nichts Neues. Besser Bauen mit Bestand“. Sie ist Teil des 11. Hamburger Architektur Sommers, der von Mai bis Juli mit über 250 Veranstaltungen die Stadt bespielt. Parallel tourt in Schleswig-Holstein die Wanderausstellung zum Landespreis für Baukultur durchs Land. Zwei Bundesländer, eine gemeinsame Frage: Was machen wir mit dem, was schon steht?
Warum ist Bauen im Bestand jetzt das beherrschende Thema?
Die Zahlen sind bekannt, der politische Druck wächst. Der Gebäudesektor verursacht knapp 40 Prozent der CO₂-Emissionen in Deutschland, der größte Teil davon entsteht in Materialgewinnung, Herstellung und Abriss. Neubau ist klimapolitisch ein Auslaufmodell. Was vor wenigen Jahren noch als ideologische Position galt, ist heute Konsens in den Kammern, Verbänden und zunehmend auch in den Bauämtern.
Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) hat darauf reagiert und 2024 die Ausstellung „Nichts Neues. Besser Bauen mit Bestand“ entwickelt, kuratiert von Katharina Böttger, Jonas Malzahn und Mathias Schnell (studio central). Sie tourt seither durch die Republik. Im Mai 2026 erreicht sie Hamburg, und dort wird sie nicht einfach gezeigt. Sie wird weitergedacht.
Was unterscheidet die Hamburger Version vom Original?
Das Urbaneo, das junge Architekturzentrum am Strandkai in der HafenCity, holt die Schau gemeinsam mit Architects 4 Future Hamburg und dem Netzwerk PIA – Women in Architecture e.V. an die Elbe. Die kuratorische Setzung ist programmatisch: keine Modelle hinter Glas, keine Schautafeln zum Andachtsbesuch. Stattdessen Modelle zum Weiterbauen, Stationen zum Mitmachen, Räume zum Umbauen und Neu-Denken.
Die DAM-Vorlage wird um Hamburger Perspektiven erweitert. Vier Projekte stehen im Zentrum:
Gängeviertel: das vielleicht prominenteste Beispiel zivilgesellschaftlich erkämpften Bestandserhalts in Deutschland
Alster-Bille-Elbe PARKS: eine grüne Infrastrukturoffensive im östlichen Hamburg
Sanierung Kampnagel: Transformation der Industriekultur zu einem internationalen Produktionsort
Gröninger Hof: Genossenschaftliches Bauen im Bestand mitten in der Altstadt
Begleitend entsteht ein vielfältiges Programm aus interaktiven Workshops, Rundgängen, Besichtigungen und Vorträgen. Das Eröffnungswochenende vom 8. bis 10. Mai 2026 setzt den Rahmen, die Ausstellung läuft bis zum 24. August.
Wie ordnet sich der Hamburger Architektur Sommer ein?
Der Hamburger Architektur Sommer findet 2026 zum elften Mal statt. Seit 1994 organisiert er sich alle drei bis vier Jahre als baukulturelle Bürgerinitiative. Beteiligt sind Hochschulen, Galerien, Architekturbüros, Museen und Einzelpersonen. Das Informationszentrum richtet sich am Strandkai ein, wo das Architekturkollektiv Frugal Bauen einen Pavillon für das Festival errichtet.
Über 250 Veranstaltungen sind angekündigt. Das thematische Spektrum reicht von Stadtgeschichte über Landschaftsplanung bis zu Fragen des Zusammenlebens. Was den Architektur Sommer vom üblichen Festivalbetrieb unterscheidet, ist die zivilgesellschaftliche Trägerschaft. Er ist kein kuratiertes Programm einer Institution, sondern ein offenes Format, an dem sich beteiligt, wer beitragen will. Das macht ihn unübersichtlich. Es macht ihn aber auch politisch interessant, weil sich die tatsächliche Verfasstheit der Hamburger Baukultur darin abbildet.
Parallel zeigt der AIT ArchitekturSalon in Hamburg vom 20. März bis 29. Mai 2026 die Ausstellung „Lebensort Schule – Architektur trifft Pädagogik“. Ebenfalls eine Bestandsfrage, wenn man die Sanierungsbedarfe der deutschen Schulbauten ernst nimmt. Im Frühjahr lief im selben Haus die Ausstellung „Boltshauser Architects – Radikale Materialität“ zur Lehmarchitektur des Zürcher Büros, ein konsequenter Beitrag zur Materialdebatte.
Was zeigt Schleswig-Holstein dagegen?
Während Hamburg im Festivalmodus arbeitet, geht das Nachbarland leiser vor. Das Land Schleswig-Holstein hat Anfang 2026 den Landespreis für Baukultur vergeben, ausgelobt vom Innenministerium gemeinsam mit der Architekten- und Ingenieurkammer. Der Hauptpreis ging an die Revitalisierung des Hochhauses Sterntalerweg in Lübeck. Sieben weitere Landespreise wurden vergeben, darunter an das Erlebnis-Hus in St. Peter-Ording, geplant von Holzer Kobler Architekturen aus Berlin.
Die Auswahl ist programmatisch. Wer einen Preis für Baukultur ausschreibt und einen Hochhausumbau auf Platz eins setzt, trifft eine inhaltliche Aussage. Sie lautet: Die anspruchsvollste architektonische Aufgabe ist heute nicht der Neubau, sondern der Eingriff in den Bestand. Die Wanderausstellung tourt bis in den Sommer durch die Landesteile, Stationen waren bisher unter anderem Husum.
Hinzu kommt das Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel, das mit „Wohltemperiert. Für klimagerechte Architektur“ eine vom Slowenischen Pavillon der Architekturbiennale 2023 übernommene Schau über vernakuläre Baukultur als Ressourcendebatte präsentiert hat. Die Themenlinie ist konsistent: traditionelle Bauweisen als Bezugspunkt für klimagerechtes Bauen. Wer die norddeutsche Diskussion der vergangenen Jahre verfolgt hat, erkennt einen Konsens, der erstaunlich ungebrochen ist.
Welche Schlüsse zieht die berufspolitische Debatte daraus?
Bauen im Bestand ist planerisch komplexer, juristisch riskanter und betriebswirtschaftlich für viele Büros unterfinanziert. Die HOAI bildet die zusätzlichen Leistungen, die ein Umbau gegenüber dem Neubau verlangt, nur unzureichend ab. Der Umbauzuschlag nach § 6 Abs. 2 Nr. 5 HOAI ist eine Krücke. Die Vergabepraxis öffentlicher Bauherren orientiert sich weiterhin am Neubau, die Förderkulisse ebenso.
Die Hamburger Ausstellung im Urbaneo nimmt diese strukturellen Fragen auf, ohne sie aufzuwerfen. Sie zeigt, was möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen nicht aktiv bekämpft, aber auch nicht hilfreich sind. Das ist redaktionell der interessantere Befund. Die Architektenschaft wartet nicht auf bessere Regeln. Sie arbeitet unter den bestehenden, oft trotz der bestehenden Regeln.
Wer als Bauherr, Planer oder Kommunalvertreter in den nächsten Wochen nach Hamburg fährt, findet im Urbaneo nicht den Schlüssel zur Bauwende. Aber eine sehr genaue Bestandsaufnahme dessen, wo der Norden steht. Das ist mehr, als die meisten Festivals bieten.
Service-Box
Nichts Neues. Besser Bauen mit Bestand
Ort: Urbaneo. Junges Architektur Zentrum, Strandkai 1, HafenCity Hamburg
Laufzeit: bis 24. August 2026
Veranstalter: Urbaneo, Architects 4 Future Hamburg, PIA – Women in Architecture e.V.
Kuratorisches Original: Katharina Böttger, Jonas Malzahn, Mathias Schnell (studio central) für das DAM
Web: http://urbaneo.de / http://architektursommer.de
Hamburger Architektur Sommer 2026
Zeitraum: Mai bis Juli 2026
Auflage: 11. Festival seit 1994
Veranstaltungen: über 250
Träger: Verein Hamburger Architektur Sommer e.V.
Landespreis Baukultur Schleswig-Holstein
Auslober: Innenministerium Schleswig-Holstein, Architekten- und Ingenieurkammer SH
Hauptpreisträger: Revitalisierung Hochhaus Sterntalerweg, Lübeck
Landespreisträger u.a.: Erlebnis-Hus St. Peter-Ording, Holzer Kobler Architekturen
Wanderausstellung: tourt seit Februar 2026 durch das Land

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