Baukunst - Editors' Choice statt Löwenwahl: Drei Pavillons der 61. Biennale
La Biennale di Venezia © by Andrea Avezzu' courtesy by La Biennale

Editors‘ Choice statt Löwenwahl: Drei Pavillons der 61. Biennale

01.07.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  |  INSPIRATION | April 2026

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Ein Preis ohne Richterinnen und Richter

Am 30. April 2026, zehn Tage vor der Eröffnung, trat die fünfköpfige internationale Jury der 61. Kunstbiennale geschlossen zurück. Vorausgegangen war eine Erklärung, keine nationale Beteiligung zu berücksichtigen, deren Staatsspitze vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt ist. Das betraf Russland und Israel. Die Leitung der Biennale folgte dieser Linie nicht; die Jury um Solange Oliveira Farkas zog daraus die Konsequenz. An die Stelle der Goldenen und Silbernen Löwen trat ein neues Konstrukt: die „Visitors‘ Lions“, vergeben per Publikumsabstimmung durch Besucherinnen und Besucher, die beide Hauptorte, Giardini und Arsenale, mit Ticket besucht haben. Das Ergebnis fällt erst am 22. November, zum Ende der Ausstellung.

Der Widerstand ließ nicht auf sich warten. Über achtzig Künstlerinnen und Künstler der zentralen Ausstellung sowie Vertreterinnen und Vertreter von bis zu neununddreißig Pavillons zogen ihre Namen aus der Wertung zurück, aus Solidarität mit der abgetretenen Jury. Die Biennale ignorierte die Gesuche; auf den Stimmzetteln blieben die Namen stehen. Inzwischen prüfen die Betroffenen rechtliche Schritte. Ein Preis, der die Ausgezeichneten gegen ihren erklärten Willen nominiert, ist keine Auszeichnung mehr, sondern ein Verfahren. Hinzu kommt die politische Kulisse: Die Europäische Kommission hat wegen der Rückkehr Russlands den Entzug einer Förderung von zwei Millionen Euro eingeleitet.

Warum ein eigenes Format

In dieses Vakuum setzt baukunst.art einen Editors‘ Choice. Nicht als Ersatz für einen offiziellen Titel, den in diesem Jahr niemand mehr vergeben kann, sondern als redaktionelle Position. Wo die Abstimmung Verantwortung auf ein anonymes Kollektiv verlagert, benennt eine Redaktion, wofür sie einsteht, und begründet es. Ein solcher Titel bindet niemanden und nimmt niemanden gegen dessen Willen in die Pflicht; er ist Urteil, nicht Verfahren. Genau das unterscheidet ihn von einer Abstimmung, deren Legitimität in diesem Jahr von Beginn an bestritten wurde. Die folgenden drei Pavillons eint kein gemeinsames Thema und kein Preisreglement. Sie eint, dass sie Architektur, Material und Geschichte in eine Spannung bringen, die über den Tag der Eröffnung hinaus trägt.

Deutschland: „Ruin“

Kein Pavillon arbeitet so unmittelbar an seiner eigenen Bausubstanz wie der deutsche. Sung Tieu hat die 1938 von den Nationalsozialisten überformte Fassade mit einem Trompe-l’Å“il-Mosaik überzogen: „Human Dignity Shall Be Inviolable“, mehr als drei Millionen Marmorsteinchen, die das Bild eines verfallenden Plattenbaus an der Berliner Gehrenseestraße tragen. Dort wuchs die Künstlerin auf, in einem der größten Wohnkomplexe für vietnamesische Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter der DDR. Das Original wird in Berlin gerade abgerissen, während sein Abbild in Venedig steht: eine Ruine als Haut über einer anderen. Die Fassade zeigt keine Zerstörung von außen, sondern eine, die im Gebäude selbst angelegt ist.

Im Inneren liegt die letzte Arbeit von Henrike Naumann, die im Februar 2026 mit einundvierzig Jahren starb, ihr Konzept aber vollendet hatte. „Die innere Front“ stellt häusliche Interieurs in ein giftiges Grün, das an ausgeräumte Sowjetkasernen erinnert, und verhandelt, wie politische Überzeugungen in Möbeln, Farben und Tapeten Gestalt annehmen. Der Titel „Ruin“ trägt beide Bedeutungen: das bauliche Fragment und den Zusammenbruch, ökonomisch, politisch, moralisch. Naumanns früher Tod verschiebt die Lesart zusätzlich: Was als Kommentar zur deutschen Geschichte gedacht war, wird zugleich zum Vermächtnis einer Künstlerin, die ihr letztes Werk nicht mehr aufgebaut sah.

Ukraine: „Security Guarantees“

Zhanna Kadyrova zeigt ein einziges Objekt und ein ganzes Land. Im Zentrum steht „Origami Deer“, ein Betonhirsch von 2019, ursprünglich in Pokrovsk auf dem Sockel eines demontierten sowjetischen Kampfflugzeugs errichtet, das einst Atomwaffen tragen sollte. Als die Front 2024 näher rückte, wurde die Skulptur gemeinsam mit der Zivilbevölkerung evakuiert; in Venedig hängt sie am Kran eines Lastwagens, zwischen Abtransport und Ankunft. Der Titel verweist auf das Budapester Memorandum von 1994, mit dem die Ukraine ihr Nukleararsenal gegen Sicherheitszusagen abgab, die sich als Papier erwiesen. Der Sockel selbst erzählt diese Geschichte: aus einem Träger für Atomwaffen wurde ein Träger für Kunst.

Dass ausgerechnet dieser Pavillon in einem Jahr steht, in dem Russlands Rückkehr die Jury zerbrechen ließ, ist keine kuratorische Pointe, sondern bittere Gleichzeitigkeit. Kadyrova macht aus einem militärischen Rest ein bewegliches Denkmal: Material, das Geschichte trägt, statt sie zu bebildern. Die zweite Hälfte der Arbeit im Arsenale dokumentiert die Evakuierung selbst, in Archivmaterial und Video. Wer den Betonhirsch am Kran gesehen hat, liest die Sicherheitsfrage danach anders.

Schweiz: „The Unfinished Business of Living Together“

Der Schweizer Pavillon mit „The Unfinished Business of Living Together“  ist die pointierteste Wahl, weil er die offizielle Auszeichnung selbst zurückgewiesen hat. Das Kollektiv um Gianmaria Andreetta, Luca Beeler, Miriam Laura Leonardi, Nina Wakeford, Yul Tomatala und Lithic Alliance zog seine Namen aus den „Visitors‘ Lions“. Wenn baukunst.art diesen Pavillon nennt, honoriert das eine Haltung, keinen Wettbewerbserfolg. Der scheinbare Widerspruch, jemanden auszuzeichnen, der Auszeichnungen gerade ablehnt, löst sich auf, sobald man die Geste als das liest, was sie ist: als Zustimmung zu einer Absage.

Inhaltlich passt das genau. Ausgehend von der Schweizer Fernsehsendung „Telearena“ von 1978, die öffentlich über Toleranz und sexuelle Orientierung stritt, verhandelt die Arbeit das ungelöste Geschäft des Zusammenlebens: Zugehörigkeit, Differenz, Spaltung. Ein Kollektiv aus drei Sprachregionen und mehreren Generationen spielt die Frage durch, wann und wo Gemeinschaft gelingt und wann sie kippt. In einer Biennale, die an ihren eigenen Konflikten fast zerbrochen wäre, wirkt das weniger wie ein Thema als wie eine Diagnose. Kein anderer Pavillon spiegelt die Lage der Biennale so unfreiwillig genau.

Auswahl als Haltung

Auffällig ist, wer fehlt. Der österreichische Pavillon mit Florentina Holzingers „Seaworld Venice“, der glockenschlagende Publikumsmagnet der Giardini, wäre der wahrscheinlichste Sieger einer Besucherabstimmung. Genau deshalb steht er nicht auf dieser Liste. Ein Editors‘ Choice ist kein Stimmungsbarometer; er misst nicht Reichweite, sondern Dichte. Das mag als Verzicht auf das größte Bild erscheinen. Es ist eher ein Bekenntnis dazu, dass ein Urteil sich nicht an der Zahl der Handykameras bemisst. Bleiben drei Pavillons, die zeigen, dass Architektur, Material und Erinnerung mehr aushalten als ein Preisreglement. Das ist die Auszeichnung, die sich in diesem Jahr vergeben lässt.

Leserinformation

Ausstellung

61. Internationale Kunstausstellung, La Biennale di Venezia

Titel

„In Minor Keys“

Kuratorin

Koyo Kouoh (1967 bis 2025), umgesetzt vom kuratorischen Team

Laufzeit

  1. Mai bis 22. November 2026

Orte

Giardini, Arsenale und Stadtraum Venedig

Teilnehmende Länder

99

Preissystem 2026

„Visitors‘ Lions“ per Publikumsabstimmung; Goldene und Silberne Löwen ausgesetzt, Jury am 30. April 2026 zurückgetreten

Editors‘ Choice

Deutschland „Ruin“ (Naumann, Tieu); Ukraine „Security Guarantees“ (Kadyrova); Schweiz „The Unfinished Business of Living Together“ (Kollektiv)

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