Baukunst - Gebäude-Klimarechner: Wann der Erhalt das Klima entlastet
Über die klimagerechte Zukunft entscheidet nicht das denkmalwürdige Einzelobjekt, sondern der unauffällige Wohnungsbestand der Nachkriegsjahrzehnte. Der Gebäude-Klimarechner liefert für genau diese Bauten erstmals belastbare Zahlen. Foto: Symbolbild

Gebäude-Klimarechner: Wann der Erhalt das Klima entlastet

18.05.2026
 / 
 / 
Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Innovation | Mai 2026
Veröffentlichungsdatum: 13. Mai 2026
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Der Erhalt schlägt den Neubau: Wie ein Online-Tool das Klima berechnet

Der Gebäude-Klimarechner ist ein kostenfreies Online-Werkzeug, das die CO2-Bilanz von Bestandsgebäuden über den gesamten Lebenszyklus erfasst und mit der Klimawirkung eines Ersatz-Neubaus vergleicht. Unter g-kr.online steht das Tool seit Anfang 2026 als Beta-Version für Wohngebäude zur Verfügung. Entwickelt wurde es von Muck Petzet Architekten gemeinsam mit der Accademia di architettura USI in Mendrisio, b+ee bauphysik + energieeffizienz sowie dem Materialkataster Madaster. Gefördert hat das Forschungsprojekt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Programm „Zukunft Bau“.

Die Grundidee ist so einfach wie politisch heikel: Wer einen Bestandsbau abreißt und neu baut, verbraucht Material, Energie und Atmosphäre, die in der bestehenden Substanz bereits gebunden sind. Klassische Effizienzbewertungen wie die KfW-Standards oder die Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) blenden diese graue Energie weitgehend aus. Sie messen den Betrieb, nicht die Herstellung. Der Gebäude-Klimarechner schließt diese Lücke, indem er beide Seiten in CO2-Äquivalenten gegenüberstellt.

Was misst der Rechner genau?

Nutzerinnen und Nutzer geben Baujahr, Bruttogrundfläche, Geschosszahl und Energieträger ein. Das Tool berechnet daraus drei Kennzahlen: die CO2-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus, den Ressourcenverbrauch in Form von Masse und Materialart sowie das zu erwartende Müllaufkommen. Diese Werte werden für verschiedene Handlungsoptionen ermittelt, vom Weiterbetrieb über die sanfte Sanierung bis zum Ersatz-Neubau. Die Datengrundlage stammt aus modellierten Testplanungen, aus realisierten Umbauprojekten von Muck Petzet Architekten sowie aus Tabellenwerten der Bauforschung. Ein Abgleich mit der Software Scandens diente der Validierung.

Methodisch lehnt sich der Rechner an die Lebenszyklusphasen nach DIN EN 15978 an. Erfasst werden die Module der Herstellung (A1 bis A3), der Nutzung einschließlich Instandhaltung (B) sowie das Lebensende (C). Die Bilanzierungstiefe bleibt bewusst niedriger als bei kommerziellen Ökobilanz-Programmen, etwa der DGNB-Methodik. Ziel ist nicht die zertifizierungsreife Berechnung, sondern eine belastbare Größenordnung, die in der frühen Entscheidungsphase Orientierung gibt.

Warum braucht es überhaupt ein solches Tool?

Bestandserhalt ist im deutschsprachigen Raum bislang strukturell benachteiligt. Steuerliche Anreize, Förderlogiken und sogar Teile der HOAI sind historisch auf den Neubau zugeschnitten. Wer einen Altbau ertüchtigt, kämpft mit Sonderregelungen, höheren Planungsanteilen und einer Beweislast, die der Neubau nicht kennt. Das Klimaschutzgesetz (KSG) verpflichtet Deutschland zur Treibhausgasneutralität bis 2045. Der Gebäudesektor verursacht laut Umweltbundesamt rund 35 Prozent der gesamten Endenergieverbräuche. Ohne eine konsequente Bauwende, also den Umbau von der Baukultur zur Umbaukultur, ist dieses Ziel kaum zu erreichen.

Hier setzt der Gebäude-Klimarechner an. Er macht das Argument für den Erhalt quantifizierbar und damit verhandelbar. Wenn Bauherrschaften, Projektentwicklerinnen und Projektentwickler oder kommunale Bauämter eine Zahl auf dem Tisch liegen haben, verschiebt sich die Diskussion. Aus einer Haltungsfrage wird eine Rechenaufgabe. Muck Petzet, Initiator des Projekts und Professor für Sustainable Design an der Accademia di architettura USI, formuliert es so: Der „richtige Umgang“ mit dem Bestand sei berechenbar.

Welche Aussagekraft hat das Ergebnis?

Die meisten modellierten Fälle laufen auf eine moderate Modernisierung hinaus. Das deckt sich mit den Befunden anderer Forschungsinitiativen, etwa dem Praxispfad CO2-Reduktion im Gebäudesektor. Ein Ersatz-Neubau lohnt sich klimatisch nur in Ausnahmefällen, etwa bei stark geschädigter Bausubstanz oder bei massiver Flächenausweitung. Selbst dann muss der Effizienzvorteil im Betrieb die Herstellungsemissionen über Jahrzehnte amortisieren, was bei einer typischen Nutzungsdauer von 50 bis 80 Jahren oft nicht gelingt.

Der Beirat des Projekts ist prominent besetzt. Prof. Elisabeth Endres (TU Braunschweig), Prof. Thomas Auer (TU München) und Timm Sassen (Greyfield Group) begleiten die Entwicklung wissenschaftlich. Mitinitiatoren sind der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) sowie die Greyfield Group. Diese Konstellation verleiht dem Werkzeug Gewicht in der Fachdebatte und unterscheidet es von marketinggetriebenen Rechentools.

Grenzen und blinde Flecken

So nützlich der Ansatz ist, so klar sind seine Grenzen. Mischformen wie Teilabbruch, Aufstockungen oder Neubauten mit veränderten Flächen und Volumen lassen sich in der aktuellen Beta-Version nicht abbilden. Auch Kosten werden bewusst ausgeklammert. Die Begründung der Entwicklerinnen und Entwickler: Kosten allein erzeugten keine belastbare Erkenntnis, sondern entfalteten ihre Aussagekraft erst im Verhältnis zu den daraus erwirtschafteten Werten. CO2-Äquivalente seien angesichts der existenzbedrohenden Dimension des Klimawandels die entscheidende „Währung“, die nur noch begrenzt zur Verfügung stehe.

Eine weitere Einschränkung betrifft die Gebäudetypologie. Bisher ist der Rechner auf Ein- und Mehrfamilienhäuser beschränkt. Bildungs-, Verwaltungs- und Gewerbebauten sollen folgen, sobald die Datenbasis konsolidiert ist. Auch die Bewertung von Bauteilen mit besonderen Anforderungen, etwa bei Denkmälern oder im erweiterten Brandschutz, bleibt Sache spezialisierter Planungsbüros.

Was bedeutet das für die Praxis?

Für Architektinnen und Architekten bietet der Rechner einen niederschwelligen Einstieg in die Lebenszyklusbetrachtung. Schon in der Akquisephase lässt sich mit wenigen Klicks eine Größenordnung ermitteln, die als Argumentationshilfe gegenüber der Bauherrschaft dient. Wer früh überzeugen muss, dass der Bestand erhaltenswert ist, kann sich nun auf Zahlen stützen, die mit BBSR-Förderung entstanden sind. Das verändert die Gesprächsdynamik gerade in den frühen Leistungsphasen nach HOAI.

Für die öffentliche Hand ist das Werkzeug eine willkommene Ergänzung der Entscheidungspraxis. Kommunale Bauämter, die über Sanierung oder Ersatz-Neubau einer Schule, eines Verwaltungsgebäudes oder einer Sporthalle entscheiden, erhalten ein einheitliches Bewertungsraster. Voraussetzung ist allerdings, dass das Tool über die Wohnbau-Beta hinaus ausgebaut wird. Die Aufnahme weiterer Nutzungsklassen ist erklärtes Ziel des Forschungskonsortiums.

Bemerkenswert bleibt der politische Subtext. Wenn ein vom BBSR gefördertes Werkzeug systematisch nahelegt, dass der Ersatz-Neubau klimatisch fast nie die richtige Wahl ist, gerät die etablierte Bauförderpolitik unter Begründungsdruck. KfW-Standards, Abschreibungsregeln und Investitionsanreize müssten neu kalibriert werden, um nicht länger eine Praxis zu subventionieren, die das Klimaschutzgesetz konterkariert. Der Gebäude-Klimarechner liefert dafür die empirische Grundlage. Sein Erfolg wird sich daran messen lassen, ob diese Grundlage in regulatorisches Handeln übersetzt wird.