Baukunst - Health Hub: Wie ein Studierendenwettbewerb die Lehre auf das Land schickt
Eine Auslobung als Lehrformat: Der Architects Collective Student Award 2026

Health Hub: Wie ein Studierendenwettbewerb die Lehre auf das Land schickt

19.05.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Österreich | Bildung | Mai 2026
Lesezeit 8 Minuten

Lernen, wo die Hausärzte fehlen

Der Architects Collective Student Award for Healthcare Architecture 2026 ist ein deutschsprachiger Studierendenwettbewerb, der Architektur, Städtebau, Raumplanung und Landschaftsarchitektur mit der unterversorgten Gesundheitslandschaft im ländlichen Raum verbindet. Ausgelobt wird der Preis von der Architects Collective ZT GmbH in Wien, einem auf Gesundheitsbauten spezialisierten Büro mit über dreißig Jahren Erfahrung. Die dritte Runde findet 2026 erstmals in Kooperation mit dem Institut für Kunst und Architektur der Akademie der bildenden Künste Wien statt, nachdem die ersten beiden Auflagen gemeinsam mit der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien getragen wurden.

Die Aufgabe trägt den Titel „Health Hub. Die modulare Gesundheitsversorgung auf dem Land“ und adressiert ein Versorgungsproblem, das in Österreich, Deutschland und der Schweiz gleichermaßen spürbar geworden ist. Pensionierungen, Abwanderung und Überalterung der Ärzteschaft führen dazu, dass Wege zur nächsten Ordination in vielen Regionen über dreißig Kilometer betragen. Studierende werden eingeladen, eine neue Typologie zu entwerfen: ein flexibel einsetzbares, KI-unterstütztes Primärversorgungsmodul, das niederschwellige Basisleistungen wie Krankschreibung, Rezeptausstellung, Fieber- und Blutdruckmessung, telemedizinische Sprechstunden sowie eine Apotheken-Schnittstelle mit temporärer ärztlicher Präsenz integriert.

Welche Aufgabe stellt der Award 2026 konkret?

Gefragt sind Entwürfe, die räumliche Qualität mit technologischer Integration verbinden, modular erweiterbar bleiben und im Sinne der Kreislaufwirtschaft wiederverwendet werden können. Die Auslobung formuliert drei Systemgrenzen, in denen sich die Beiträge bewegen dürfen: raumtypologisch, städtebaulich oder landschaftsarchitektonisch. Erlaubt und ausdrücklich erwünscht ist die Integration weiterer Disziplinen wie Klimaforschung, Informationstechnologie, Medizin oder Soziologie. Bearbeitet werden kann die Aufgabe als Einzelarbeit oder im Team mit maximal drei Personen, wobei jedes Gruppenmitglied eine eigene Verfassererklärung beilegen muss.

Der Anspruch reicht über das gestalterische Experiment hinaus. Architektur wird in der Auslobung als Hebel für soziale Gerechtigkeit verstanden, als Werkzeug, das verzögerte Diagnosen, überlastete Ambulanzen und ungleichen Zugang zu medizinischer Versorgung räumlich beantworten kann. Damit verlässt der Wettbewerb das klassische Krankenhausthema und rückt eine Versorgungslogik in den Fokus, die zwischen Allgemeinmedizin, Telemedizin und Apotheke neu organisiert werden muss.

Was lernt der architektonische Nachwuchs an dieser Aufgabe?

Der eigentliche Bildungsgewinn liegt weniger im fertigen Plakat als in der Methode, die der Award einübt. Studierende üben sich darin, eine gesellschaftliche Bedarfslage in eine räumliche Antwort zu übersetzen, ohne dabei auf die gewohnte Programmtabelle eines Klinikbaus zurückgreifen zu können. Sie arbeiten mit einer offenen Aufgabe, deren Lösung weder in der DIN 13080 zur Gliederung von Krankenhäusern noch in einem Standardraumbuch vorgezeichnet ist. Genau diese Offenheit zwingt zur Recherche jenseits des eigenen Fachs: Wie funktioniert eine Hausarztpraxis betriebswirtschaftlich? Welche Leistungen lassen sich rechtlich delegieren? Welche Datenschutzanforderungen gelten für telemedizinische Konsultationen?

Die Auslobung benennt diese Interdisziplinarität nicht nur als Möglichkeit, sondern als Erwartung. Damit greift der Award eine Verschiebung auf, die sich in der Architekturlehre seit einigen Jahren beobachten lässt. Reine Entwurfsstudios verlieren an Bedeutung gegenüber Formaten, die Forschung, Praxisbezug und gesellschaftliche Fragestellungen verschränken. Die Akademie der bildenden Künste Wien bringt mit der Plattform „Geografie, Landschaft und Städte“ eine entsprechende Tradition ein, die das Institut für Kunst und Architektur seit Jahren pflegt.

Hinzu kommt der Wettbewerb als Lernformat selbst. Anders als die Studienprüfung verlangt er eine Argumentation gegenüber einer externen Jury, eine Verdichtung auf das Plakatformat und die Bereitschaft, die eigene Position öffentlich zu vertreten. Das ist eine Übung in beruflicher Realität, die in der Lehre häufig zu kurz kommt.

Wer entscheidet über die Vergabe der Preise?

Die Jury versammelt sechs Stimmen aus Lehre, Praxis und Beratung. Vom Institut für Kunst und Architektur der Akademie der bildenden Künste Wien wirken die Senior Scientist Daniela Herold und Vizerektor Werner Skvara mit. Peter Schwehr leitet das Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur an der Hochschule Luzern und bringt mit seiner ungewöhnlichen Biografie als ausgebildeter Rettungssanitäter, Polsterer und Architekt eine seltene Perspektivenmischung ein. Lena Sattelberger, geschäftsführende Gesellschafterin der auf das Gesundheitswesen spezialisierten Beratung SOLVE Consulting, ergänzt die organisatorisch-betriebliche Sicht. Für das ausschreibende Büro sitzen Andreas Frauscher und Richard Klinger als Geschäftsführer und Mitgründer von Architects Collective in der Jury.

Die Preisstruktur umfasst 9.000 Euro Gesamtdotation. Der erste Platz erhält 3.500 Euro, der zweite 2.500 Euro, der dritte 1.500 Euro; hinzu kommen zwei Anerkennungspreise zu je 750 Euro. Die Deadline für die Abgabe der Entwurfsplakate und Verfassererklärungen liegt am 14. August 2026 um 23:59 Uhr. Rückfragen können bis zum 30. Juni 2026 an die Auslobung gerichtet werden. Die Jurytagung ist für den 11. September 2026 angesetzt, die Preisverleihung folgt am 12. November 2026.

Zwischen Hochschule und Berufsfeld

Bemerkenswert ist die strategische Anlage des Formats. Architects Collective nutzt den Award nicht als Marketinginstrument, sondern als Brücke zwischen Hochschule und einem hochspezialisierten Berufsfeld, das Studierenden in der Regel verschlossen bleibt. Healthcare Architecture taucht in den Curricula deutschsprachiger Architekturfakultäten meist nur am Rand auf, obwohl der Sektor zu den investitionsstärksten Bauaufgaben überhaupt gehört. Der Award verschiebt das Thema in die Wahrnehmung des Nachwuchses und schafft zugleich einen Pool an Talenten, die später möglicherweise den Weg in dieses Segment finden.

Für die Akademie der bildenden Künste Wien wiederum bedeutet die Kooperation eine Öffnung des Lehrbetriebs gegenüber einer Aufgabenstellung mit hoher gesellschaftlicher Dringlichkeit. Die Plattform „Geografie, Landschaft und Städte“ findet im ländlichen Versorgungsthema ein Anschauungsobjekt, das räumliche, soziale und infrastrukturelle Fragen bündelt.

Ob aus den eingereichten Konzepten tatsächlich umsetzbare Module für die Versorgung in der Steiermark, in Oberbayern oder im Berner Oberland entstehen werden, ist offen. Der Bildungseffekt ist davon unabhängig. Eine Generation von Studierenden setzt sich für mehrere Monate mit einer Aufgabe auseinander, die im Berufsalltag nur selten so frei bearbeitet werden kann. Genau darin liegt der Wert solcher Auslobungen, die das Lernen aus der Komfortzone des Hochschulentwurfs herausholen, ohne die experimentelle Freiheit aufzugeben.