
baukunst.art | Regionales | Niedersachsen | Mai 2026
Wenn alles wandert: Was bleibt vom Ort, an dem wir bauen?
Wie das Kunstmuseum Wolfsburg eine Ausstellung in einer Stadtloggia inszeniert, die selbst eine Heimat-Konstruktion ist
Heimat ist im 21. Jahrhundert kein geografischer Fixpunkt mehr, sondern ein fortlaufender Aushandlungsprozess zwischen Erinnerung, Migration und Zugehörigkeit. Genau diese These führt das Kunstmuseum Wolfsburg ab dem 19. September 2026 in der Ausstellung „Tell Me Where Home Is“ vor; und es tut das in einem Gebäude, das selbst eine architektonische Antwort auf die Heimatfrage formuliert.
Bis zum 17. Januar 2027 versammelt Kuratorin Uta Ruhkamp Positionen internationaler Gegenwartskunst, darunter Arbeiten von Alfredo Jaar, Olaf Metzel, Tracey Snelling, Cristina de Middel, Bani Abidi und Atiye Noreen Lax. Die Ausstellung verbindet Häuser, Städte, Landschaften und Sprachen mit digitalen Plattformen, religiösen Bezügen und biografischen Bruchlinien zu einem globalen Spiegel migrationsgeprägter Gesellschaften. Architektonisch trifft dieses Programm auf einen Bau, der seit drei Jahrzehnten bewusst zwischen den beiden zentralen Wolfsburger Kulturbauten vermittelt: dem Alvar-Aalto-Kulturhaus (1958 bis 1962) und Hans Scharouns Theater (1965 bis 1973).
Das Kunstmuseum Wolfsburg wurde von 1992 bis 1994 nach einem Entwurf des Hamburger Büros Architekten Schweger + Partner errichtet, gemeinsam mit der gleichzeitig entstandenen Rathauserweiterung. Der weit überspannte Glasdachraum, von Peter Schweger als „transparente Stadtloggia“ angelegt, markiert den südlichen Stadteingang an der Porschestraße. Eine zentrale Halle von 40 mal 40 Metern, sechzehn Meter hoch, dient als variable Bühne für großformatige Installationen, Environments und Medienarbeiten. Finanziert und betrieben wird das Museum bis heute von der in München ansässigen Holler-Stiftung; ein regionaler Doppelbezug, der in der Wolfsburger Kulturlandschaft selten betont, aber strukturell prägend ist.
Was bedeutet Heimat für eine Stadt, die nie eine alte Heimat war?
Wolfsburg ist ein Sonderfall im niedersächsischen Städtegefüge. 1938 als „Stadt des KdF-Wagens“ am Mittellandkanal gegründet, ist sie eine der wenigen großen deutschen Städte ohne mittelalterlichen Kern und ohne organisch gewachsene Identität. Heimat war hier von Anfang an eine planerische Setzung; eine politische Erfindung mit allen Brüchen der nationalsozialistischen Gründungsphase, der Nachkriegseinwanderung aus Italien, der Türkei und Südosteuropa, der Wiedervereinigung und der jüngeren Diversifizierung. Mehr als jede andere bundesdeutsche Großstadt hat Wolfsburg seine Bewohnerinnen und Bewohner aus Migrationsbewegungen gewonnen.
In dieser Stadtbiografie ist Architektur nicht Hintergrund, sondern Akteur. Aaltos Kulturhaus erzählte 1962 von einer modernen, demokratischen Heimat im westlichen Bündnis; Scharouns Theater inszenierte die Kulturgesellschaft als beweglichen Raumkörper; Schwegers Glasdachhalle setzte 1994 eine bewusst transparente, nicht festungsartige Geste an den Stadteingang. Das städtebauliche Trio bildet einen Bezugsrahmen, der Heimat als Aufgabe begreift, nicht als Besitz. Genau hier verankert die Ausstellung ihre kuratorische Hauptlinie. Der Heimatbegriff wird vom geografischen Anspruch gelöst und in seine sozialen, biografischen und medialen Bestandteile übersetzt. Architektur und Stadt liefern den Resonanzraum dafür mit; planungsrechtlich gerahmt unter anderem durch die Niedersächsische Bauordnung (NBauO) und das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz (NDSchG), das den Umgang mit den drei Schlüsselbauten der Wolfsburger Nachkriegsmoderne mittelfristig prägen wird.
Wie wird ein Museumsbau zum Mitautor einer Migrationsschau?
Die Werkauswahl von Uta Ruhkamp arbeitet bewusst mit der Großzügigkeit der Halle. Alfredo Jaars Installation „One Million German Passports“ (2023), bisher in der Pinakothek der Moderne in München gezeigt, stapelt eine Million attrappenhafter deutscher Pässe zu einem Block aus Verbund- und Sicherheitsglas. Eine seitenlange politische Debatte erscheint als gebaute Masse; ein Material, das die Maßstabslogik des Schweger-Raums spiegelt. Tracey Snellings „One Thousand Shacks“ (2016) verdichtet die globale Realität informeller Siedlungen in ein präzises Modellbau-Tableau mit Videoeinspielungen; das Werk wird in der Halle zu einer Stadt in der Stadt. Olaf Metzels „Sammelstelle“ (1992) übersetzt die Verlorenheit des Übergangs in eine Metallkonstruktion, deren Aggregatzustand zwischen Lager und Notunterkunft oszilliert.
Die Bewegtbildarbeiten verschärfen die räumliche Lesart. Atiye Noreen Lax verhandelt in „Haymat“ (2024) das Wortspiel zwischen „Heimat“ und „Hayat“, dem türkischen Wort für Leben; Bani Abidis „The Song“ (2022) folgt einem Cellisten im Exil und macht die Tonspur zum eigentlichen Träger der Heimaterinnerung. Cristina de Middels fotografische Arbeit aus Oaxaca verschiebt Heimat in den Status eines sakralen Ortes unter touristischem Druck. Diese Werke setzen die Stadtloggia in einen ungewöhnlichen Modus. Die Transparenz, die Schweger 1994 als demokratisches Versprechen formuliert hat, wird zur Bedingung dafür, dass Heimat als wandelbarer Aushandlungsraum sichtbar werden kann.
Für die Wolfsburger Nachkriegsmoderne ist diese Lesart auch denkmalfachlich relevant. Aaltos Kulturhaus steht als Einzeldenkmal unter Schutz, Scharouns Theater zählt zu den Schlüsselbauten der westdeutschen Theaterarchitektur und wird seit Jahren restaurierungsfachlich diskutiert; der Schweger-Bau ist als jüngerer Solitär noch nicht förmlich eingetragen, gewinnt aber durch das aktuelle Ausstellungsprogramm und seine städtebauliche Funktion an Schutzargumenten. Das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz (NDSchG) eröffnet hier in den kommenden Jahren einen ausgesprochen interessanten Bewertungsspielraum, der über Wolfsburg hinaus auf andere Kulturbauten der frühen 1990er Jahre ausstrahlen dürfte. Hinzu kommen die energetischen Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG), die gerade Glasdachhallen wie das Kunstmuseum vor anspruchsvolle Aufgaben stellen, ohne ihre räumliche Substanz zu beschädigen.
Das Begleitprogramm der Schau spielt diese Bezüge bewusst aus. Geplant sind Künstlerinnengespräche, ein wissenschaftliches Symposium und Vermittlungsformate, die den Dialog mit den Wolfsburger Schulen und Communities suchen. Die Bedeutung dieses Konzepts reicht über Wolfsburg hinaus. Wenn Kommunen in Niedersachsen wie in anderen Bundesländern aktuell ihre Leitbilder zwischen Klimaanpassung, Wohnraumknappheit und sozialer Diversifikation neu justieren, ist die Frage nach Heimat keine nostalgische Restkategorie, sondern eine planungsrelevante Größe. Sie berührt das Verhältnis von Bestand und Neubau, die Auseinandersetzung mit der Nachkriegsmoderne als Denkmalbestand und die Frage, welche Räume eine Gesellschaft als zugänglich, lesbar und teilbar empfindet. Eine Ausstellung wie „Tell Me Where Home Is“ bietet Architektinnen, Stadtplanern und Verwaltungen eine produktive Irritation, weil sie die emotionale Substanz unter den Begriffen offenlegt, die im Planungsalltag oft technisch eingeebnet werden.
Der Erfolg der Ausstellung wird sich nicht zuletzt daran bemessen, ob es gelingt, den Ort selbst als Argument zu lesen. Wolfsburg ist eine Stadt, die ihre Heimat nie geerbt, sondern beständig neu hergestellt hat; das Museum ist ein Bau, der diese Bewegung in Stahl, Glas und Licht übersetzt. Wenn Kunst und Architektur an diesem Ort zusammenkommen, entsteht weniger eine Antwort auf die Heimatfrage als eine präzise gerahmte Bestandsaufnahme. Genau darin liegt der spezifisch regionale Beitrag dieser Schau zur bundesweiten Debatte über Zugehörigkeit, Bauen und gesellschaftliche Selbstverortung.
Leserinformation
Ausstellung „Tell Me Where Home Is“, 19. September 2026 bis 17. Januar 2027
Kuratorin Uta Ruhkamp, kuratorische Assistenz: Linus Jantzen und Anne Rybka
Ort Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg
Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr
Eintritt 15 Euro regulär, 10 Euro ermäßigt, frei bis 18 Jahre
Kontakt Telefon +49 5361 26690, info@kunstmuseum.de, http://www.kunstmuseum.de
Architektur
Bau: Architekten Schweger + Partner (1992 bis 1994), transparente Stadtloggia, Hauptraum 40 mal 40 Meter, im Spannungsfeld zwischen Aalto-Kulturhaus (1962) und Scharoun-Theater (1973)

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