Baukunst - Bauwende planen
Der Werkzeugkasten für die Bauwende steht im Netz

Werkzeuge zur Bauwende

19.04.2026
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Claudia Grimm

baukunst.art  |  INNOVATION | April 2026

bauwende.tools: Digitale Infrastruktur für die Transformation des Bauens

bauwende.tools ist eine frei zugängliche Plattform, die Werkzeuge, Rechner und Leitfäden für nachhaltiges Bauen entlang aller Planungsphasen bündelt und vom Schweizer Verein Countdown 2030 kuratiert wird. Die Seite versteht sich nicht als weiteres Verzeichnis im Netz, sondern als Navigationshilfe durch ein unübersichtlich gewordenes Ökosystem aus Ökobilanztools, Materialdatenbanken, Bauteilbörsen und Biodiversitätsrechnern. Für Architektinnen und Architekten, die zwischen grauer Energie, Kreislaufwirtschaft und klimaangepasster Freiraumplanung operieren, ist das keine kosmetische Erleichterung, sondern ein methodisches Werkzeug.

Warum braucht es eine kuratierte Tool-Sammlung?

Die Zahl digitaler Hilfsmittel im nachhaltigen Bauen wächst schneller als die Fähigkeit der Planungsbüros, sie zu evaluieren. Zwischen kommerziellen BIM-Add-ons, hochschulnaher Forschungssoftware und behördlichen Faktenblättern klafft eine Orientierungslücke, die in der täglichen Projektarbeit selten ehrlich adressiert wird. bauwende.tools schliesst diese Lücke, indem die Plattform rund achtzig Werkzeuge entlang vier Zugängen ordnet: Entdecken (visuell), Suchen (textlich), Planen (zeitachsenbasiert) und Teilen (Crowdsourcing). Besonders der Reiter „Planen“ markiert den eigentlichen konzeptionellen Sprung. Tools werden dort den Planungsphasen 0 bis 6 zugeordnet, die der Systematik des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) folgen und sich weitgehend auf die Leistungsphasen nach § 34 HOAI übertragen lassen. In der Vorprojektphase erscheinen also nicht Bauteilbörsen, die erst im Rückbau relevant werden, sondern Analysekarten und Ökobilanzrechner für frühe Entscheidungen.

Welche Werkzeuge sind dort versammelt?

Die Themenfelder decken das vollständige Spektrum nachhaltiger Planung ab. Im Bereich Bauphysik und Ökobilanz finden sich Klassiker wie die Rechenhilfe SIA 390/1, das U-Wert-Portal http://ubakus.de und der Gebäude-Klimarechner, der Bestandsinformationen mit unterschiedlichen Sanierungsszenarien verrechnet. Das CBE Clima Tool der University of California, Berkeley liefert standortgenaue Klimadaten für thermischen Komfort und passive Strategien. Für Materialentscheidungen stehen die KBOB-Liste (Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren) mit Ökobilanzdaten im Baubereich, die dänische Materialpyramide und AREMA, der Atlas of Regenerative Materials der ETH Zürich, bereit.

Besonders dicht besetzt ist der Bereich Zirkularität und Wiederverwendung. Neben dem Urban Mining Index, der das Recyclingpotenzial eines Entwurfs quantitativ bewertet, listet die Plattform rund zwanzig Bauteilbörsen und Re-Use-Marktplätze, darunter Salza, useagain, Gruner Re-Use und reMATERIAL. Madaster, als Gebäuderessourcenpass mit Wiederverkaufswert prominent platziert, zeigt, wohin die Reise geht: weg vom Bauwerk als abgeschriebener Kostenposition, hin zum Materiallager mit Restwert. Biodiversitätsplanung erscheint mit BioValues, Bee Finder, dem Portal Animal Aided Design und der Toolbox Siedlungsnatur, also mit Werkzeugen, die bisher in kaum einem Leistungsbild nach § 15 HOAI explizit abgebildet sind und die trotzdem zunehmend über Baugenehmigungen nach § 34 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) entscheiden.

Was bedeutet die Plattform für Büros ausserhalb der Schweiz?

Der Geltungsbereich-Filter erlaubt eine Auswahl nach Deutschland, Schweiz oder International. Dennoch ist die Plattform unverkennbar schweizerisch geprägt. Viele Rechner beziehen sich auf KBOB-Datensätze, SIA-Normen oder kantonale Förderkulissen. Für die deutsche Planungspraxis bedeutet das: Ein Grossteil der Logik ist übertragbar, ein Teil der Datengrundlage nicht. Die Rechenhilfe SIA 390/1 etwa funktioniert methodisch wie eine Ökobilanzierung nach DIN EN 15978, arbeitet aber mit anderen Referenzwerten als die ÖKOBAUDAT des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB). Für ein Quartiersprojekt in München taugt bauwende.tools daher als Methodenkompass, nicht als Datenquelle. Für die Logik der Kreislaufwirtschaft, für das Framing von Abriss versus Umbau, für den Umgang mit grauer Energie nach Gebäudeenergiegesetz (GEG) und für das Kostenverständnis nach DIN 276 liefert die Sammlung jedoch unmittelbar anschlussfähige Argumente.

Bemerkenswert ist der Reiter „Teilen“, der die Plattform als Crowdsourcing-Projekt begreift. Countdown 2030 hat diesen Ansatz bereits mit dem Abriss-Atlas erprobt, einem wachsenden Verzeichnis gefährdeter und abgerissener Bauten. Die Einladung, Werkzeuge vorzuschlagen oder neue gemeinsam zu entwickeln, verschiebt die klassische Rollenverteilung zwischen Plattformbetreiber und Nutzerschaft. Für eine Branche, die ihre Transformationslast bisher stark entlang proprietärer Softwareökosysteme organisiert, ist das kein Detail, sondern ein kulturelles Signal.

Wo zeigt die Plattform ihre Grenzen?

bauwende.tools ersetzt keine Leistungsphase und keine Software. Die Sammlung verlinkt auf Tools, bietet selbst aber weder Berechnung noch Dokumentation. Für das konkrete Projekt bedeutet das einen Zwischenschritt, der in knapp bemessenen Honorarbudgets nach HOAI ins Gewicht fällt. Zweitens dominieren freie und halbfreie Werkzeuge, während etablierte BIM-Plug-ins, LCA-Plattformen wie One Click LCA oder eLCA des BMWSB sowie kommerzielle Energieberatungstools nur fragmentarisch vertreten sind. Drittens fehlt ein systematischer Qualitätsvergleich. Zwei Ökobilanzrechner mit unterschiedlichen Systemgrenzen stehen nebeneinander, ohne dass Abweichungen explizit werden. Für Zertifizierungsniveaus nach SNBS, DGNB oder LEED bleibt dieser Vergleich eine separate Aufgabe.

Diese Grenzen mindern den Nutzen nicht, sie präzisieren ihn. Die Plattform ist kein Werkzeug, sondern ein Werkzeugkasten; sie ist kuratiert, nicht vollständig. Genau darin liegt ihr Wert. In einer Disziplin, die gerade lernt, dass das ökologische Minimum nicht mehr die freiwillige Höchstleistung, sondern die regulatorische Untergrenze wird, wirkt ein strukturierter Überblick wie ein methodisches Gerüst. bauwende.tools stellt dieses Gerüst bereit, ohne die Entscheidung über das konkrete Werkzeug vorwegzunehmen. Das ist weniger, als mancher kommerzieller Anbieter verspricht, und es ist mehr, als die meisten Planerinnen und Planer bisher zur Hand haben.