„Archiv der Avantgarden“

Wie das Archiv der Avantgarden in Dresden neue Maßstäbe setzt

Das Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona (ADA) bietet eine einzigartige Sammlung, die Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts auf eine besondere Weise zugänglich macht. Mit rund 1,7 Millionen Objekten und einer unkonventionellen Ordnung ist das ADA ein lebendiges Forschungszentrum, das weit über die klassischen Museumsstrukturen hinausgeht. Hier treffen die revolutionären Ideen der Avantgarden auf die barocken Fassaden des historischen Blockhauses in Dresden.

Ein Paradies für Forscher und Künstler

Die Sammlung, die Egidio Marzona seit den 1960er Jahren aufgebaut und 2016 den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden überlassen hat, umfasst ein breites Spektrum an Materialien: von Kunstwerken und Designobjekten über Fotografien bis hin zu originalen Briefen und Ephemera. Diese nicht-hierarchische Sammlungsmethode stellt sicher, dass jeder Gegenstand, unabhängig von seinem materiellen oder künstlerischen Wert, gleichwertig behandelt wird.

Das ADA ist mehr als nur ein Archiv – es ist ein Ort des wissenschaftlichen Austauschs und der interdisziplinären Forschung. Gastwissenschaftler, Fellows und Künstler arbeiten hier eng mit dem ADA-Team zusammen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Forschungsplattform im Blockhaus bietet dafür ideale Bedingungen: mit Arbeitsplätzen, Vortragsräumen und einer vielseitigen Veranstaltungsreihe.

Baukunst trifft auf Avantgarde

Das Blockhaus selbst, ein würfelförmiger Bau im Stil des französischen Barock, wurde von dem Pariser Architekten Zacharias Longuelune entworfen. Der Entwurf von Nieto Sobejano Arquitectos, der den Wettbewerb zur Umgestaltung des Gebäudes gewann, kombiniert die barocke Fassade mit einem radikalen modernen Innenraum. Ein Schrein aus Sichtbeton wurde zwischen die barocken Außenmauern gehängt, wodurch eine klimatisierte Schatzschatulle für die wertvolle Sammlung entstand. Eine skulpturale Wendeltreppe aus Sichtbeton führt zu einem Café im Untergeschoss und schafft eine Verbindung zwischen den unterschiedlichen architektonischen Epochen.

Demokratische Sammlung als Wissensspeicher

Egidio Marzonas Sammlung basiert auf den Prinzipien der „guten Nachbarschaften“ und der „Serendipity“ von Aby Warburg. Diese Herangehensweise ermöglicht überraschende Verbindungen und Entdeckungen innerhalb der Sammlung. Indem alle Materialien gleichwertig behandelt werden, entsteht eine demokratische und heterogene Sammlung, die die Vielfalt der künstlerischen und gesellschaftlichen Utopien des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.

Die Sammlung bietet einen umfassenden Querschnitt durch die Strömungen der Avantgarden und zeigt die Vernetzungen der Künstler und Akteure dieser Zeit. Von den experimentellen Arbeiten der Konzeptkunst bis hin zu den politischen Manifesten der Dadaisten – das ADA ist ein riesiger Wissensspeicher, der ständig neue Perspektiven und Einsichten eröffnet.

Ein Widerspruch als Konzept

Die Kombination aus den revolutionären Ideen der Avantgarden und der barocken Architektur des Blockhauses mag zunächst widersprüchlich erscheinen. Doch gerade dieser Kontrast macht das ADA so einzigartig. Die barocken Außenmauern, die einst die Wunderkammer der sächsischen Kurfürsten beherbergten, bilden einen spannenden Rahmen für die radikalen Ideen der Moderne.

Die radikale Umgestaltung des Innenraums spiegelt die transformative Kraft der Avantgarden wider. Der Sichtbeton, der heute oft wegen seiner Klimabilanz kritisch gesehen wird, ist hier als Material der Avantgarde historisch angemessen. Holz ist nur als Abdruck der Schalbretter präsent, was eine interessante Verbindung zwischen den Materialien schafft.

Zukunftsperspektiven

Mit der Schenkung der Sammlung durch Egidio Marzona hat Dresden ein erstklassiges Studienzentrum gewonnen, das nicht nur Kunstwerke, sondern auch die Geschichten dahinter erforscht und zugänglich macht. Die Elbnähe und die Hochwassergeschichte des Gebäudes haben die Architekturwahrnehmung in Dresden verändert und zu innovativen Lösungen geführt.

Die Annahme des Geschenks aus Berlin war für den Freistaat Sachsen eine lohnende Investition. Die Einrichtung eines Zentraldepots fernab des Hochwasserrisikos bleibt dennoch ein Thema, um die wertvolle Sammlung langfristig zu sichern. Die Freude am Sammeln und Schenken scheint jedenfalls ungebrochen – und so wird das ADA auch in Zukunft ein lebendiger Ort des Wissens und der Inspiration bleiben.

Mit dem Archiv der Avantgarden hat Dresden nicht nur einen kulturellen Schatz gewonnen, sondern auch ein Symbol für die Verbindung von Tradition und Moderne, das die Geschichte und die Zukunft der Kunst gleichermaßen umfasst. mehr…

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