
baukunst.art | Kategorie: Editorial / Berufspolitik
Wer schweigt, verliert: Das demokratische Versagen eines Berufsstands
Ein Editorial über das organisierte Desinteresse eines Berufsstands – und seine Folgen.
In Bayern läuft gerade eine Kammerwahl. 25.000 Architekten sind wahlberechtigt. Bei der letzten Wahl haben 42 Prozent abgestimmt – das gilt im bundesweiten Vergleich als gutes Ergebnis. In Berlin waren es 2021 noch 21 Prozent. Der Bundesschnitt dürfte irgendwo dazwischen liegen. Das ist kein bayerisches Problem. Das ist ein Problem des gesamten deutschen Berufsstands. Und es ist höchste Zeit, es so zu benennen.
Der Anlass: Bayern. Der Befund: Deutschland.
Am 30. April 2026 schließt die Wahlurne zur Vertreterversammlung der Bayerischen Architektenkammer. 125 Sitze, fünf Jahre, und die Möglichkeit, die Berufspolitik eines der größten Bundesländer aktiv mitzugestalten. Wer gewählt wird, entscheidet mit über Kammerbeiträge, Stellungnahmen zu Vergaberecht und HOAI, Fortbildungsordnungen, Nachwuchsprogramme, Positionen zur Bauordnung.
Ich schreibe dieses Editorial als jemand, der bei dieser Wahl kandidiert – Liste 7, Freischaffende Architekten. Das sage ich ausdrücklich, weil ich nicht so tun möchte, als hätte ich kein persönliches Interesse. Ich habe es. Und trotzdem – oder genau deshalb – ist das, was ich gleich schreibe, nicht als Wahlwerbung gemeint. Es ist ein Befund über einen Berufsstand, den ich seit über dreißig Jahren kenne und dem ich mich zugehörig fühle.
Bayern ist der Anlass. Aber der Befund ist bundesweit gültig. Und er ist unbequem.
Die Zahlen
Bayern 2021: 42 Prozent Wahlbeteiligung bei der Kammerwahl. Die Kammer bezeichnete das als „tolle Wahlbeteiligung“. 14.000 von 25.000 Wahlberechtigten haben nicht abgestimmt.
Berlin 2021: 21,88 Prozent. Drei von vier Kammermitgliedern haben geschwiegen. Nach 31,75 Prozent im Jahr 2017 war das ein weiterer Rückgang.
Hessen: Bei der letzten Kammerwahl stimmten rund 36 Prozent ab. Auch das gilt nicht als schlechtes Ergebnis.
Zum Vergleich: Die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen liegt regelmäßig über 75 Prozent. Bei Landtagswahlen zwischen 55 und 70 Prozent. Die Menschen, die für ihren Bundestag oder Landtag zur Urne gehen, sind zu großen Teilen dieselben, die bei der Kammerwahl zu Hause bleiben.
„Ein Berufsstand, der über seine eigene Vertretung kaum abstimmt, kann nicht ernsthaft beklagen, dass seine Interessen nicht vertreten werden.“
Das Paradox
Ich höre die Klagen. Ich führe sie selbst. Die HOAI, deren Mindestsätze das EuGH-Urteil 2019 zu Fall brachte. Das Vergabetransformationsgesetz, das Generalunternehmer begünstigt und Planungsleistungen bündelt. Die neue BayBO, die Vorhaben verfahrensfrei stellt, für die bisher ein Architekt Pflicht war. Das serielle Bauen, das politischen Rückenwind bekommt und dabei die gestalterische Kompetenz des Berufsstands tendenziell aus dem Prozess drängt.
All das sind reale Bedrohungen. Und für alle gilt: Sie werden in Gremien entschieden. In Ministerien, die mit Kammern verhandeln. In Parlamenten, die Kammern anhören. In Verbandsgremien, die Stellungnahmen einreichen. Und die Kammern, die das tun, sind umso wirkungsmächtiger, je größer ihre demokratische Legitimation ist.
Eine Vertreterversammlung, hinter der 75 Prozent der Mitglieder stehen, spricht mit einer anderen Autorität als eine, hinter der 25 Prozent stehen. Das ist keine theoretische Überlegung. Das ist Realpolitik.
Und trotzdem: Zwei Drittel bis drei Viertel der Kammermitglieder stimmen nicht ab. Und klagen dann über Ergebnisse, die sie hätten mitgestalten können.
Warum viele nicht wählen – und was das über die Kammern sagt
Ich möchte hier nicht moralisieren. Wer nicht wählt, hat dafür Gründe. Meistens ist es keine politische Überzeugung, sondern ganz pragmatisch: Zeitmangel. Die Wahlunterlagen lagen auf dem Schreibtisch, wurden zweimal zur Seite gelegt, und dann war die Frist vorbei.
Das sagt aber auch etwas über die Kammern selbst. Wenn der Berufsstand die Wahl als nicht dringlich genug empfindet, um sich zehn Minuten Zeit zu nehmen – dann hat die Kammer ein Kommunikations- und Relevanzproblem. Eine Organisation, die ihre Mitglieder nicht von der Wichtigkeit ihrer eigenen Wahl überzeugt, muss sich fragen, warum das so ist.
Ein Teil der Antwort liegt in der Struktur. Kammerpolitik ist kleinteilig, technisch, langsam. Die Wirkung einer Abstimmung im Juni ist in der Berufspolitik vielleicht erst in zwei Jahren spürbar – wenn überhaupt. Das ist weit weg vom Projektalltag eines Freischaffenden, der mit Genehmigungsbehörden kämpft, Honorare verhandelt und Bauherrenbriefe schreibt.
Trotzdem ist die Folge klar: Wer nicht wählt, überlässt das Feld denjenigen, die wählen. Und die sind – strukturell bedingt – öfter in größeren Büros angesiedelt, haben mehr Zeit für ehrenamtliches Engagement, sind in Verbänden organisiert, die Wahllisten aufstellen.
Was auf dem Spiel steht
Auf baukunst.art haben wir in den vergangenen Wochen drei Analysen veröffentlicht, die zeigen, wie ernst die Lage ist.
Erstens: Die Kammern wissen nicht, wie Bauherren Architekten finden. Keine einzige systematische Erhebung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz hat diese Frage je beantwortet. Wer den Markt seiner Mitglieder nicht kennt, kann ihn nicht vertreten.
Zweitens: Der Berufsstand steht unter dreifachem Druck – HOAI, Vergaberecht, BayBO. Drei Entwicklungen, die sich überlagern und kleine, freischaffende Büros härter treffen als große.
Drittens: Bis 2035 werden im DACH-Raum rund 25.000 freischaffende Architekten ihre Büros schließen – ohne Nachfolge, ohne Archiv, ohne dass das in Jahrzehnten aufgebaute konstruktive und gestalterische Wissen irgendwo gesichert wird. Die Kammern haben dafür kein Programm.
All diese Themen gehören in die Vertreterversammlung. In die Strategiegruppen. In die Vorstandssitzungen. Dort, wo Berufspolitik tatsächlich gemacht wird. Und dorthin gelangt nur, wer von den Mitgliedern gewählt wird. Von Mitgliedern, die wählen.
Was ich mir wünsche – als Architekt, nicht als Kandidat
Ich wünsche mir, dass dieser Berufsstand aufhört, seine demokratische Mitbestimmung als lästige Pflicht zu behandeln. Dass Kammerwahlen so selbstverständlich werden wie die nächste Bauherrenbesprechung. Dass die Frage „Haben Sie schon abgestimmt?“ unter Kollegen genauso normal ist wie „Wie läuft die Baustelle?“
Ich wünsche mir, dass die Kammern selbst aktiver werden in der Frage, warum ihre Mitglieder nicht wählen. Dass Wahlbeteiligung nicht als Erfolgsmerkmal gilt, wenn sie über 40 Prozent liegt, sondern als Versagen, wenn sie unter 70 Prozent bleibt.
Und ich wünsche mir, dass die nächste Generation freischaffender Architektinnen und Architekten die Kammern als ihr Werkzeug begreift – nicht als Verein, der Beiträge einzieht, und auch nicht als Bürokratie, die Formulare verwaltet, sondern als die Organisation, die ihre Rahmenbedingungen gestaltet. Wenn und nur wenn sie sich darum kümmert.
Eine Bitte zum Schluss
In Bayern läuft die Wahl noch bis 30. April 2026. In anderen Bundesländern sind die nächsten Kammerwahlen in den kommenden Jahren. Die Daten variieren, die Frist variiert – die Logik bleibt dieselbe.
Wählen Sie. Informieren Sie sich, welche Liste Ihre Themen vertritt. Und dann: Wählen Sie.
Nicht für mich. Für den Berufsstand.
Stuart Stadler, München, April 2026
Der Autor kandidiert bei der laufenden Kammerwahl Bayern auf Liste 7 – Freischaffende Architekten

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